Washington/London - Die Anschläge in New York und Washington am 11. September 2001 haben die US-Luftabwehr völlig unvorbereitet getroffen. Das geht aus einem Bericht hervor, den der Untersuchungsausschuss zu den Anschlägen am Donnerstag in Washington vorlegte. "Die vorliegenden Anweisungen waren am Morgen des 11. September in jeglicher Hinsicht untauglich für das, was bevorstand", heißt es darin. Die parteiübergreifende Kommission wollte am selben Tag ihre Anhörungen abschließen. Ihren Abschlussbericht, in dem es auch um mögliche Versäumnisse auf politischer Ebene im Vorfeld der Anschläge gehen soll, will die Kommission bis 28. Juli an Präsident George W. Bush überreichen.

29-seitiger Zwischenbericht

In dem 29-seitigen Zwischenbericht zur Rolle der Luftabwehr heißt es, die Notfallszenarien der zivilen Luftfahrtbehörde FAA und des Luftwaffenkommandos für Nordamerika NORAD hätten sich auf traditionelle Flugzeugentführungen gegründet und nicht auf Selbstmordanschläge, bei denen Flugzeuge in gelenkte Raketen umfunktioniert werden: "Was folgte, war der überstürzte Versuch, eine improvisierte Verteidigung zu starten, von Behörden, die sich noch nie in solch einer Lage befanden und dafür auch nicht ausgebildet waren."

Pannen über Pannen

Dem Bericht zufolge gibt es keinen Hinweise darauf, dass FAA und NORAD ihre Abwehraktionen zu koordinieren versucht hätten. Das Weiße Haus sei erst informiert worden, als das erste Flugzeug bereits in das World Trade Center gerast sei. Eine weitere Panne: Die Fluglotsen bemerkten zunächst nicht die Entführung von Flug 77 der American Airlines, als die Maschine nach dem Start nahe Washington vom Kurs abwich. Das Flugzeug flog wegen eines Radar-Problems 36 Minuten unbemerkt auf Washington zu. Nur eine Frachtmaschine der Streitkräfte hielt sich in der Nähe auf, konnte aber nicht eingreifen, als das Flugzeug in das Pentagon raste. Vizepräsident Dick Cheney erteilte demnach den Befehl zum Abschuss feindlicher Flugzeuge erst, als das letzte der vier gekaperten Flugzeuge längst abgestürzt war. Anwesende Hinterbliebene des 11. September brachen in Tränen aus, als zu Beginn der Anhörung der Bericht über die Luftabwehr verlesen wurde.

Luftfahrtbehörde weist Vorwürfe zurück

Die Luftfahrtbehörde wies die Vorwürfe zurück. Sie habe "professionell" und schnell reagiert, indem sie binnen zweieinhalb Stunden nach den Anschlägen 4.500 Flugzeuge zur Landung gebracht habe, sagten Vertereter der FAA vor dem Ausschuss.

US-Generalstabschef Richard Myers unterstützte in einem Bericht an den Ausschuss die Darstellung der Regierung, dass es in den Monaten vor dem 11. September keine konkreten Hinweise auf einen Anschlag auf US-Territorium gegeben habe. Im späten Frühjahr und im Sommer 2001 hätten sich die Warnungen vor einem möglichen Anschlag durch El Kaida zwar gehäuft, schrieb Myers. Insofern diese Warnungen auf ein bestimmtes geographisches Gebiet hingedeutet hätten, sei dies jedoch die arabische Halbinsel und nicht die Vereinigten Staaten gewesen.

Keine "glaubwürdigen Belege" für Verbindungen Husseins zu El Kaida

Die Kommission befasst sich auch mit der Frage, ob El Kaida Verbindungen zum früheren irakischen Machthaber Saddam Hussein unterhielt. Bereits am Mittwoch hatte die Kommission in einem anderen Zwischenbericht festgestellt, dass es keine "glaubwürdigen Belege" dafür gebe, dass Saddam Hussein mit dem Terrornetzwerk von Osama bin Laden kooperiert habe. Eine solche angebliche Kollaboration war neben den vermeintlichen Massenvernichtungswaffen eines der zentralen Argumente der Regierung für die Invasion in Irak.

Die britische Regierung bekräftigte am Donnerstag allerdings den Vorwurf, dass El Kaida Unterstützung von Saddam Hussein erhalten habe. Unter seiner Herrschaft hätten Mitglieder von El Kaida im Irak "operiert", sagte ein Sprecher des britischen Premierministers Tony Blair am Donnerstag in London. (APA/AP)