Immer wenn man dem Gefühl nachgeben will, in einem kleinhäuslerischen Land mit kleinhäuslerischen Problemen und kleinhäuslerischen "Lösungen" zu leben, kommt die korrigierende Nachricht. Österreich hat sich in der Avantgarde der Wissensgesellschaft wieder bemerkbar gemacht, indem ein Team von Wissenschaftern an der Universität Innsbruck erstmals die so genannte "Teleportation" von Atomen durchgeführt haben. Bisher ist das (auch in Innsbruck) nur mit Photonen (Lichtpartikeln) gelungen. Dabei wird nicht Materie, sondern Information über bestimmte Distanzen übertragen. Mehr kann sich ein Laie nicht darunter vorstellen.

Der Laie muss auch glauben, was man ihm sagt, nämlich dass das geglückte Experiment ein weiterer Schritt in Richtung unendlich leistungsfähigeren "Quantencomputern" ist – also eine höchst reale Bedeutung hat.

Wissenschaftliche Höchstleistungen sind also in Österreich möglich und gar nicht so selten (andere werden laufend auf dem Gebiet der Medizin erbracht oder auch in der Metallurgie oder im Motorenbau). Das muss man sich vor Augen halten, wenn einen wieder einmal die Depression anfällt angesichts der Enge und Rückständigkeit des österreichischen politischen Lebens. Es ist symptomatisch, wenn ein Ein-Themen-Politiker wie Hans-Peter Martin 14 Prozent bekommt (der niederländische Kandidat Van Buiteren, der auch die Verschwendung in der EU thematisiert, kam nur auf sechs Prozent). Spesenrittertum und (der keineswegs bewiesene) Spesenbetrug im EU-Parlament sind gewiss üble Dinge. Aber man wird den Verdacht nicht los, dass nicht der Wunsch nach politischer Sauberkeit, sondern schlicht der egalitäre Impuls die HPM- Wähler (zu drei Vierteln Krone-Leser) beflügelt hat. Die entsprechende Grundstruktur lautet ja nicht, "Ich will auch gut verdienen, Gewinne machen usw.", sondern, "Der andere soll net mehr haben".

Hans-Peter Martin ist aber wenigstens kein Rechtsextremer. Die österreichische Realität, die so bleiern an diesem Land hängt, besteht auch darin, dass eine Partei in die Regierungsverantwortung geholt wurde, die deutliche rechtsextreme Elemente hat und in der dem Nationalsozialismus selbstverständlich nachgetrauert wird, wenn man unter "Nachtrauern" auch Verwenden des einschlägigen Vokabulars und einschlägiger Denkmuster versteht. Teil dieser bedrückenden Realität ist auch, wenn in Qualitätszeitungen wie dem Kurier und der Presse für eindeutig rechtsextreme FP-Politiker beschönigende Termini wie "national" oder gar "nationalliberal" verwendet werden.

Die österreichische Politik und die Leistungen der österreichischen "Zivilgesellschaft" klaffen seltsam auseinander. Unsere Unternehmen und Banken sind willkommene, kluge Investoren in den Reformstaaten, die wir nicht mehr "Oststaaten" nennen wollen. Österreichische Wissenschafter werden in der Bibel des Wissenschaftsjournalismus, der Zeitschrift Nature, veröffentlicht. Idealistische junge Leute betreuen in den fürchterlichsten Kriegszonen Afrikas die Hilflosen und Bedrohten. Doch in Österreich tut die Kanzlerpartei so, als sei mit einem völlig diskreditierten Koalitionspartner, der inzwischen einer Mischung aus abgehaustem Familienbetrieb ("Geschwister Haider, vormals Freiheitliche Partei Österreichs") und einem Burschenschaftlertreffen gleicht, irgendetwas zu bewegen oder gar zu reformieren. Von daher kommt keine Modernisierung mehr. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.6.2004)