Mit einem maximalen Schuldspruch hat ein dreieinhalbmonatiger Prozess eine Tragödie von flagranter, unübersehbarer Grausamkeit beendet: Dem Kinderschänder Marc Dutroux droht lebenslange Haft. Acht Jahre hatte der arbeitslose Elektriker in U-Haft verbracht, fast 20 die belgische Justiz in Atem gehalten - nun ist es endlich vorbei.

Dennoch macht sich keine Erlösung breit. Niemand will so recht sagen, "Es ist vollbracht". Viel mehr könnte man befürchten, es kommt noch was nach. Denn nach dem nationalen Aufschrei, bei dem 300.000 Menschen gegen Korruption im Justizsystem demonstrierten, war der Prozess enttäuschend. Das einzig Spannende waren wohl die Pannen - von der Rasierklinge im Transporter, der den Täter zum Gericht brachte, über Schlüssel zu seinen Handschellen in greifbarer Nähe bis zum ungeklärten Tod von Zeugen.

Das Urteil ist in einem Rechtsstaat unerlässlich. Es kann den seelischen Horror der überlebenden Opfer und ihrer Angehörigen lindern und gibt die Chance zur Trauerverarbeitung. Das Vertrauen der belgischen Bürger, das Recht auch auf ihrer Seite zu haben, hat jedoch nach wie vor einen Knacks. Denn die Jury war in einer der Schlüsselfragen des Prozesses gespalten, musste das Urteil widerrufen, berät neu: Dutroux' Komplize Michel Nihoul wird beschuldigt, im Auftrag von Kriminellen oder Politikern einen Pornoring betrieben zu haben. Egal, wie das - neue - Urteil lautet: Nihoul steht für eine Art Unbehagen in der belgischen Gesellschaft. Vielleicht für das Unbehagen aller Gesellschaften, in der Verbrechen unaufgeklärt bleiben dürfen. Es überrascht wenig, wenn ihre Mitglieder misstrauisch gegenüber der Politik sind. Der Dutroux-Skandal wird nicht nur Belgien noch lange beschäftigen. (DER STANDARD, Printausgabe 18.06.2004)