Frankfurt/Main - Wer die Frankfurter Senckenberganlage entlang geht, kann das schlichte Gebäude leicht übersehen. Unweit der imposanten Wolkenkratzer von Messe und Großbanken wirkt das dreistöckige Institut für Sozialforschung (IfS) wie eine Schuhschachtel. Nichts deutet darauf hin, dass von hier aus das kapitalistische Wirtschaftssystem im Geiste herausgefordert wurde. Am 22. Juni wird das IfS 80 Jahre alt.

Es waren die 60er Jahre, in denen die Frankfurter Sozialforscher auch einer breiten Öffentlichkeit zum Begriff wurden. Schon in den 40er und 50er Jahren hatten Theodor W. Adorno und Max Horkheimer scharfe Kritik an der modernen westlichen Gesellschaft formuliert. Stark beeinflusst vom Erleben des nationalsozialistischen Massenmords sahen Adorno und Horkheimer das Projekt der Aufklärung als gescheitert an.

"Instrumentelle Vernunft"

Statt den Menschen zu befreien, habe die Aufklärung einer "instrumentellen Vernunft" zum Durchbruch verholfen. Als Symptome sahen die Vertreter der "Kritischen Theorie" die um sich greifende Bürokratisierung des Lebens, den Konsumzwang und die Lenkung des Massengeschmacks durch Werbung und Medien. Das Autoritätsdenken ihrer Zeitgenossen führte die Frankfurter Sozialforscher zu der Einschätzung, dass Deutschland extrem anfällig sei für einen Rückfall in den Faschismus.

Studentenbewegung

Das Aufkommen der Studentenbewegung Ende der 60er Jahre führte die komplizierten Theoriegebäude von Adorno, Horkheimer und ihres Schülers Jürgen Habermas, der am 18. Juni dieses Jahres seinen 75. Geburtstag feierte, schlagartig aus dem akademischen Diskurs hinaus. Plötzlich interessierten sich zehntausende junger Menschen für die Kapitalismuskritik der so genannten Frankfurter Schule.

Die massenhafte Hinwendung der durch Notstandsgesetze und Vietnamkrieg politisierten Studenten zur "Kritischen Theorie" blieb jedoch nicht frei von Enttäuschungen. Dass die Sozialforscher auf politische Utopien verzichteten und sich jeglicher Agitation entzogen, wurde ihnen von den sich in rasantem Tempo radikalisierenden Studenten als Anpassung angekreidet.

Institut besetzt

Auf dem Höhepunkt der Spannungen besetzten Studenten im Jänner 1969 das Institut. Habermas, der die Besetzer zum Abzug aufforderte, wurde körperlich attackiert. Adorno als Institutschef rief schließlich die Polizei und ließ das Gebäude räumen. Er habe nicht ahnen können, dass Menschen seine Theorien "mit Molotow-Cocktails verwirklichen" wollten, erklärte der Sozialphilosoph kurz vor seinem Tod im Sommer 1969.

Während das Gros der politisierten Studenten die "Kritische Theorie" bald links liegen ließ und sich Marx, Engels und Lenin zuwandte, blieb das Institut für Sozialforschung seinen Wurzeln treu. Von Beginn an hatten sich die Frankfurter Sozialforscher das Ziel gesetzt, die "Kenntnis und Erkenntnis des sozialen Lebens in seinem ganzen Umfang" zu erweitern, wie es der designierte Gründungsdirektor Kurt Albert Gerlach ausdrückte.

Forschung

Die Gesellschaft sollte von Forschern verschiedenster Fachrichtungen untersucht werden. So waren in den 20er und 30er Jahren unter anderem der Literat Walter Benjamin, der Psychoanalytiker Erich Fromm und der Ökonom Friedrich Pollock für das Institut tätig. Neben die großen sozialphilosophischen Entwürfe traten immer wieder empirische Forschungsarbeiten.

Die Frankfurter untersuchten zum Ende der Weimarer Republik die politischen Einstellungen der Arbeiter und Angestellten in Deutschland. Nach dem Ende der NS-Diktatur und der Neugründung des Instituts 1951 kamen aus dem IfS unter anderem Studien über die Arbeiter in der Montanindustrie. In den 70er Jahren standen Untersuchungen zu Leistungsentlohnung, industrieller Rationalisierung und der sozialen Rolle der Frau im Vordergrund.

Wieder Annäherung an die politische Soziologie

Erst seit den 80er Jahren hat sich das Institut, das von 1975 bis 1997 vom ehemaligen hessischen Kultusminister Ludwig von Friedeburg geleitet wurde, allmählich wieder der politischen Soziologie angenähert. So befassten sich die Frankfurter Sozialforscher nach dem Zusammenbruch des Ostblocks mit der politischen Kultur in West- und Osteuropa und mit dem Wiedererstarken des Rechtsextremismus in Deutschland. (APA/AP)