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Foto: Archiv
Vielleicht liegt es an der Frau, die mit einem Atemschutz durch die Pariser Rush-hour radelt. Vielleicht auch am undurchdringlichen Dickicht aus Bussen und Autos. Wie dem auch sei, der Gedanke an eine Radtour durch Paris bringt die Hirnzellen ganz schön auf Trab.

Am Boulevard Bourdon nimmt ein Dutzend Touristen Fahrräder für eine geführte Stadtrundfahrt entgegen. Man streicht etwas unsicher über den weichen Ledersattel. Und wirft - ganz nebenbei - einen beunruhigten Blick auf die gegenüberliegende Place de la Bastille, wo sich ein bedrohlicher Verkehrsstrudel um die Julisäule dreht. Dann gibt Romuald Lozano, der Stadtführer, das Zeichen zur Abfahrt. Die Gruppe folgt dem roten Fähnchen auf seinem Gepäckträger wie ängstliche Gänseküken ihrer Mutter. Jetzt wird es ernst. Der Lärm schwillt an. Die Erde bebt leicht unter den Füßen. Lozano fährt direkt in den Strudel hinein. Ein paar Handzeichen genügen, und die Blechflut teilt sich wie das biblische Meer. Die Gruppe radelt in aller Ruhe auf die andere Seite, stürmt die Bastille sozusagen auf ihre eigene Weise.

Die geführten Stadtrundfahrten des Pariser Rad- veranstalters "Paris à Vélo c'est Sympa!" sind ein echter Renner. Mehr als 30.000 Besucher lassen sich die Seine-Metropole jedes Jahr auf dem Fahrrad zeigen. Tendenz rasant steigend. Im Zentrum von Paris gibt es rund 5000 Straßen. Und nicht alle ertrinken im Verkehr. Weit entfernt von Stress, Lärm und ausgetretenen touristischen Pfaden decken neun verschiedene Touren das gesamte Stadtgebiet ab. "Zu Beginn hielten uns die meisten für völlig übergeschnappt", erinnert sich Lozano. Zu viel Verkehr, zu hektisch, zu gefährlich. "Wir haben das Gegenteil erlebt - Paris ist eigentlich eine Ansammlung von Dörfern." Das erste davon liegt nur einen Steinwurf vom turbulenten Kreisverkehr entfernt: die gepflasterten Straßen und engen Gassen des Marais. Abseits der großen Verkehrsachsen plätschert das Leben gemächlich vor sich hin. Vom Sattel aus fällt der Blick durch die tiefer gelegenen Fenster direkt ins Wohnzimmer der Maraisianer - oder in deren Kochtöpfe. Es duftet nach Gebratenem. Und nach Vanilletabak. Bunte Wäscheleinen an den Fenstern. Gemüsegärten in grünen Hinterhöfen. Haben da nicht eben auch Hühner gegackert?

Während die Radler auf ihrer Spazierfahrt die Sehenswürdigkeiten bewundern, sind sie selbst für viele Pariser die eigentliche Attraktion. Bis vor kurzem galt das Fahrrad in der französischen Hauptstadt zwar als Sportgerät, keinesfalls jedoch als alternatives Verkehrsmittel. Entsprechend sind die Reaktionen auf die kleine Velokarawane. "Schau mal die Fahrräder", sagt eine Mutter zu ihrem Kleinen - wie beim Spaziergang im Wald, wenn überraschend ein Reh über den Weg springt. "Wer sein Leben liebt, der schiebt!" heißt die weit verbreitete Devise der Pariser Velo-Muffel. Trotzdem gehören Radfahrer auch an der Seine zunehmend zum alltäglichen Stadtbild. Heute gibt es in Paris 100 Kilometer Radwege. Sonntags werden ganze Viertel gesperrt und ausschließlich für Radler und Rollschuhfahrer reserviert. Und neuerdings patrouillieren selbst Flics in engen, glanzgrünen Shirts auf dem Velo.

"Passt auf Scherben und Touristenzehen auf", warnt Romuald Lozano seine Schützlinge am Centre Pompidou. Auf dem "Rummelplatz" um das bizarre Kunstmuseum gibt es die teuersten Crêpes von Paris. Fakire liegen auf Nagelbetten. Feuerspucker sorgen für Hitzewellen. Neben überfüllten Straßencafés fallen Touristen über die Kuriositätenläden her wie Heuschrecken über afrikanische Felder. Eine Klingelsalve, ein paar Rempler - dann ist der Alptraum vorbei. In der benachbarten Rue Saint-Denis ist es wieder friedlich und still. Zumindest tagsüber. Denn wo einst Könige ihren triumphalen Einzug nach Notre Dame hielten, floriert heute der Pariser Rotlichtbezirk. In den vergangenen Jahren ist fast das gesamte Viertel zur Fußgängerzone umgebaut worden. Die Freier müssen jetzt auf Schusters Rappen antanzen - oder auf dem Drahtesel.

Mit dem Fahrrad kann man in Paris mühelos an Orte gelangen, die einem sonst meist verborgen bleiben. So fährt die Gruppe mitten in das Palais Royal, den einstigen Stadtpalast Kardinal Richelieus. Der von außen eher nüchterne Komplex mit dem prachtvollen Innenhof ist ein echter Geheimtip. Im versteckten Garten ist nur das leise Klicken der Gangschaltungen zu hören. Blütenduft tränkt die Luft. Im verträumten Teesalon Muscade wird Zeit bedeutungslos.

Die pulsierende Rue de Rivoli katapultiert die Radler für einen Moment ins hektische Paris. Lozano stoppt den Verkehr wieder erfolgreich per Handzeichen. "Die Autofahrer in Paris sind eben doch nicht so schlimm, wie man glaubt", erklärt er zufrieden. Der Chauffeur eines kleinen Lieferwagens zeigt ihm "zustimmend" prompt den Stinkefinger. Unterwegs wird man das Gefühl nicht los, hinter jeder Straßenecke warte eine neue Stadt. Oder, wie Lozano sagen würde, ein neues Dorf. Das jüdische Viertel entführt die Radler gar in eine ganz andere Welt. Die verwinkelten Gassen um die Rue des Rosiers verströmen die Exotik des Mittleren Orients: kleine Synagogen, Bücherläden mit hebräischen Schriften. Lange Bärte, Schläfenlocken, traditionelle Kopfbedeckung. Aus dem Radio krächzt der jüdische Sender Shalom. Es duftet nach Gehakte Herring, Piklfleish und Gefilte Fish.

Nach vier Stunden endet die Radtour wieder an der Bastille. Keine Schrammen, kein Spießrutenlauf. Dafür jede Menge Eindrücke, die selbst Pariskenner überraschen. Im Bus wären einem die meisten davon entgangen, und zu Fuß hätte man Tage benötigt, um sie sammeln. Unter der schmalen Brücke am Bassin de l'Arsenal, dem verträumten Yachthafen von Paris, verteilt Romuald Lozano Camembert und Baguette aus einem Picknickkorb, schenkt Rotwein ein und meint: "Mit dem Fahrrad kann man entdecken, wie klein Paris eigentlich ist." Michael Obert

Der Autor lebt als freier Reisejournalist in Breisach/Deutschland.

Info über geführte Radtouren: Paris à Vélo c'est Sympa! 37 Bd. Bourdon D-75004 Paris (Métro: Bastille) Tel.: 0033/148/87 6001 Fax: 0033/148/87 6101 Neun verschiedene Touren decken ganz Paris ab. Ein Halbtagesausflug inklusive mehrsprachiger Führung (u. a. deutsch, englisch, italienisch), Rad und Versicherung kostet 170 FF (ca. öS 356 / EURO 25,9) / P.; Rabatt für Teilnehmer unter 26 J.; die Tour "Paris bei Nacht per Velo" kostet 190 FF. Für Gruppen auch ganztägige Ausflüge, nach Gruppentarifen fragen. Fahrradverleih (ohne Führung) möglich, Preise: Nachmittag 60 FF, ganzer Tag 80 FF, Wochenende 150 FF. Internet: www.timeout.com/paris; www.paris-touristoffice.com; www.paris-france.org/parisweb;

der Standard Sonntag bringt morgen weitere Tipps, wie man sich noch durch die französische Metropole bewegen kann.

Nicht nur zu weithin bekannten Plätzen wie dem Louvre (oben rechts), sondern vor allem zu den verborgenen, mindestens ebenso sehenswürdigen kann das Fahrrad in Paris führen. Fotos: M. Obert

© DER STANDARD, 24. September 1999