Im Zusammenhang mit Blut greifen selbst friedliebende Mediziner gern auf Begriffe aus dem Militär zurück: "Soldaten", "Armeen" und "Waffen" besiedeln sodann unsere Blutbahnen. Ein ständiger Abwehrkampf tobt alltäglich in uns. Gemeint ist das Immunsystem, und innert dieser "Schlacht" gibt es, wie man heute weiß, ein ganz besonderes Bataillon: die so genannten dendritischen Zellen, eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen.

"Dendritische Zellen befinden sich überall im Körper. Sobald sie Kontakt haben mit Bakterien, Viren, Pilzen oder anderen Fremdkörpern, werden sie in Alarmbereitschaft gesetzt", erklärt Martin Thurnher, wissenschaftlicher Leiter eines Forschungsprojektes an der Universitätsklinik für Urologie und Mitglied im Kompetenzzentrum Medizin Tirol (KMT).

Unverzichtbar sind sie etwa bei der Ausbildung eines immunologischen "Gedächtnisses" - bei Impfungen: "Der Stich in die Haut: Heute wissen wir, dass dabei die dendritischen Zellen das gespritzte Antigen aufnehmen. Solchermaßen bestückt, wandern sie zum Lymphknoten. Sie aktivieren Lymphozyten, sodass sie Antikörper aufbauen und Killerzellen aktivieren", erklärt Nikolaus Romani, Biologe an der Innsbrucker Universitätsklinik.

Ein rares Gut

Dendritische Zellen starten die Immunantwort. Sie werden auch "Wächter" unserer Abwehrkraft genannt. Immer mehr gelangen Mediziner zur Überzeugung, dass die Entstehung von Krebs in direktem Zusammenhang mit dem Immunsystem steht, dendritische Zellen könnten dabei eine Schlüsselrolle spielen.

Das Problem: Die Zellen machen sich rar und waren lange Zeit sehr schwer zu gewinnen. Im Blut machen sie weit unter einem Zehntelprozent aller weißen Blutkörperchen aus, in der Haut kommen sie noch am häufigsten vor, allerdings auch nur höchstens zu drei Prozent. Mitte der 90er-Jahre gelang es Romani, später gemeinsam mit dem Kompetenzzentrum Tirol, mit einer bestimmten Kombination aus Wachstums- und Differenzierungsfaktoren große Mengen an dendritischen Zellen zu gewinnen. Die Methode wird nun weltweit verwendet.

Die Immuntherapie mit dendritischen Zellen sei gut verträglich, erzählt Romani. Lediglich "leichtes Fieber" sei zu vermerken. Der Wunschtraum für eine gezielte Bekämpfung von Krebs: Die gesunde Zelle bliebe verschont.

Doch bis dahin ist es ein weiter Weg: Die Ärzte stehen vor einer Gleichung mit vielen Unbekannten. Wie viele Millionen Zellen pro Tumorantigen sollen sie spritzen? Wie können sie die Wanderung der Zellen von der Einstichstelle zum Lymphknoten optimieren? In welchen Zeitintervallen wirken die Impfungen am besten? "Die Beantwortung nur einer einzigen dieser scheinbar simplen Fragen dauert mindestens drei Jahre", seufzt Romani.

Noch wisse man nicht, welche Ergebnisse die nun anlaufenden Studien bringen. So ist weiters die Gefahr einer Autoimmunantwort ungeklärt: dass sich nämlich die scharf gemachten dendritischen Zellen irrtümlich gegen gesundes Körpergewebe richten. Und über noch eine besonders heimtückische Eigenschaft verfügen die Tumorzellen: Sie können sich durch Mutationen dem Immunsystem immer wieder entziehen. (prie/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 6. 2004)