Wien - Alles, was die Wiener Festwochen ankündigen, stimmt natürlich auch nicht immer. Im vorliegenden Fall nicht einmal ihr diesjähriges Motto: "Ohne die Wiener Festwochen wär's so schön."

Jetzt sind sie vorüber, und von "schön" keine Rede. Zumindest nicht im meteorologischen Sinn. Das haben die Flaneure während der "Langen Nacht der Musik" Samstagabend zigtausendfach hautnass zu fühlen bekommen.

Im Vergleich dazu hatten es die Besucher beim etablierten musikalischen Festwochen-Kehraus schon besser. Zumindest saßen sie in der goldverbrämten Konzertkassette des Großen Musikvereinssaals gemeinsam mit den Wiener Philharmonikern unter Riccardo Muti behaglich im Trockenen.

Dass in dieser Kassette diesmal nicht ausschließlich die kostbarsten Kleinodien gelagert waren, mag am Anlass liegen: Zum Saisonausklang war dem Maestro weniger nach symphonischer Wucht als nach italienischer Buntheit zumute. Was nicht heißen soll, dass diese Minestrone aus Verdi, Busoni und Respighi nicht auch zu erheblichen Dezibelgraden aufkochte.

Ähnliche Werte erreichte auch der Applaus, mit dem das erwartungsfrohe Publikum den Maestro schon bei seinem ersten Auftritt begrüßte. Und dieser löste auch prompt akustisch und selbstverständlich auch optisch alles ein, was man/frau sich von ihm versprach.

Eleganz und Perfektion

In der Eleganz seines Auftritts und der pittoresken Intensität seiner Zeichengebung, die auch den einen oder anderen Luftsprung inkludiert, könnte man Muti als Damendirigenten bezeichnen, als Muster des insgeheim oder offen adorierten Pultlöwen.

Doch gerade an einem Programm von leichterem Gewicht spürt man, dass Muti doch viel mehr ist: nämlich ein überzeugender Anwalt der Perfektion und der unantastbaren Schönheit, der in Herbert von Karajans Nachfolge nichts aufraut, nichts heraus-oder hineinarbeitet, sondern in klanglicher Vollendung zum Sieg verhilft.

Und in der Partnerschaft mit den Philharmonikern sind die Siege programmiert. Da weiß man nicht, was man mehr bewundern soll: die herrische Klarheit des Blechs in der Ouvertüre von Giuseppe Verdis Macht des Schicksals oder die facettenreiche Dynamik und die elastischen Tempi im Jahreszeiten-Ballett aus Les vêpres siciliennes.

Nicht überzeugender hätte die Erinnerung an Ferruccio Busoni ausfallen können. In den fünf Piecen aus seiner Turandot -Suite geriet vor allem der Nächtliche Walzer zu einer interpretatorischen Meisterleistung. Ganz zu schweigen von Ottorino Respighis symphonischem Vierteiler Feste Romane. Da schienen sich die Philharmoniker zu einer mit unerschütterlicher Präzision tönenden und dröhnenden Orgel zu verwandeln, an der Muti mit gewohnter Bravour alle Register zog. (DER STANDARD, Printausgabe vom 21.6.2004)