Es ist schon erstaunlich, wie wenig Profit die SPÖ aus der Regierungskrise - und das Abstinken der FPÖ ist eine Regierungskrise - ziehen kann. Parteichef Alfred Gusenbauer überlegt einen Neuwahlantrag, sollte die FPÖ weiter "zerbröseln" und die Regierungsarbeit stillstehen. Noch weiter "zerbröseln" als jetzt? Noch mehr Stillstand als jetzt? Bis Gusenbauer zu Ende überlegt hat, gibt es die FPÖ entweder nicht mehr oder ist die Krise längst überwunden. Und dann stehen wir ohnedies bereits beim regulären Wahltermin 2006.

Die designierte Parteichefin Ursula Haubner wird diese Gnadenfrist, die ihr die Opposition einräumt, nützen müssen, sonst hat sie nicht nur die Partei, sondern auch ihre eigene Reputation zerstört. Und das ist nicht einfach: Sie muss ein Team zusammenstellen, in dem nicht nur die Interessen und Machtgelüste der verschiedenen Fraktionen in ihrer Partei befriedigt werden, sondern dem sie auch rückhaltlos vertrauen kann - was sich in der FPÖ ausschließt.

Die schwierigste Aufgabe ist es wohl, ihren Bruder Jörg Haider auf Distanz zu halten. Haubner muss beweisen, dass sie sich durchsetzen kann und dass sie von Partei und den Regierungskollegen nicht bloß geduldet wird, sondern dass sie beide führen kann. Das traut man ihr derzeit nur von Haiders Gnaden zu.

Ein Schritt in Richtung Selbstständigkeit wäre die Ablöse von Sozialminister Herbert Haupt. Und der ist ein echter Sesselkleber. Es hat schon ein knappes Jahr gekostet, ihn von der Parteispitze zu verdrängen. Es scheint, als ob Haupt die Uneinsichtigkeit zur obersten Tugend erhoben hat. Haubner kann jetzt auf Harmonie mit allen und jedem setzen und damit die Unschärfe der FPÖ weiter vorantreiben, oder sie präsentiert am Parteitag ein neues Team - ohne Haupt. Sonst bröselt es weiter. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.6.2004)