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Expräsident, Bestsellerautor und Selbstdarsteller: Bill Clinton genießt es, wieder im Rampenlicht zu stehen

Foto: APA/EPA/Chris Kleponis
Schon als Kind habe er dazu geneigt, "mühelos Feinde zu machen", erzählt Expräsident Bill Clinton in einem Time-Interview, das ausgerechnet von Joe Klein, Autor des kritischen Clinton-Romans Primary Colors, geführt wurde. Auch jetzt, dreieinhalb Jahre nach Verlassen des Weißen Hauses, hat Clinton keine Schwierigkeiten, alte Feindschaften aufleben zu lassen Gleichzeitig könnte es ihm jedoch gelingen, mit der Veröffentlichung seiner Memoiren "My Life" am Dienstag die alte Garde zu motivieren und im Wahljahr Nostalgie für die Clinton-Ära hervorzurufen.

Die Republikaner sind sich der anhaltenden Wirkung des Expräsidenten bewusst. "Unser Kampf mit Clinton ist vorbei - und wir haben ihn zum Großteil verloren", behauptet etwa der Konsulent Ed Rogers. Der rechte Kolumnist und CNN-Kommentator Bob Novak eilt John Kerry etwas scheinheilig zu Hilfe und kritisiert Clinton, dem Herausforderer von George W. Bush das Rampenlicht stehlen zu wollen: "Gerade jetzt, wo Kerry seine Hilfe benötigt, ist Bill Clinton wieder so selbstsüchtig, wie er das immer war. Bei ihm heißt es nur ,Ich, ich, ich', er kümmert sich in Wahrheit gar nicht um Kerry."

Clinton selbst füttert alle diee Vorurteile, positive wie negative. Vor heftig applaudierenden 3000 Buchverkäufern erklärte er: "Ihr müsst vorsichtig sein, sonst glaube ich am Ende noch, ich sei wieder Präsident." Und tatsächlich genießt er die Aufmerksamkeit und den Stellenwert, den die Medien jedem seiner Äußerungen geben. Selbst dann, wenn sie widersprüchlich sind: Bezüglich "dieser Iraksache", so Clinton im Interview mit der CBS-Sendung "60 Minutes", sei er mit Bush zwar im Prinzip einer Meinung gewesen, hätte jedoch mit der Invasion gewartet: "Es war ein Fehler, der UNO nicht zu erlauben, den Inspektionsprozess abzuschließen." Anderswo behauptet er, Bush oft gegen "die Linke" verteidigt zu haben, kritisiert ihn aber dafür, sich zu sehr von Vizepräsident Dick Cheney und Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz beeinflussen zu lassen.

Das Buch beschäftigt sich mit Clintons Kindheit in Arkansas und seiner achtjährigen Amtszeit als Präsident. Viel Druckerschwärze wird auch für die von Gattin Hillary Rodham schon vor vielen Jahren als "riesige rechte Verschwörung" bezeichneten Untersuchungen über Whitewater und eine Reihe von anderen Skandalen, verwendet. Die Seiten über die Affäre mit Monica Lewinsky - die er selbst als "unmoralisch und unklug" bezeichnet - finden das größte Medienecho. "Clinton musste auf der Couch schlafen", lauten die Schlagzeilen über die Ehekrise, die laut Clinton dank psychologischer Beratung für ihn, Hillary und Tochter Chelsea überwunden wurde.

Vitriolisch bleiben die Attacken auf Sonderermittler Kenneth Starr und das von diesem angezettelte Impeachment: "Dieser Kampf war wie ein Ehrenzeichen. Ich sehe das nicht als Schandmal, weil es rechtswidrig war." Er und Hillary hätten sich entschieden gegen den "rechtsextremistischen Coup" gewehrt: "Das war das letzte und größte Showdown mit den Kräften, gegen die ich mich mein ganzes Leben gewehrt hatte."

Auch Bush trägt zum grassierenden Clinton-Fieber bei: In seiner Rede anlässlich der Enthüllung des Clinton-Porträts für das Weiße Haus lobte er in der Vorwoche seinen Vorgänger überschwänglich. Das Kalkül: Je mehr Aufmerksamkeit die Medien dem Expräsidenten widmen, desto weniger beschäftigen sie sich mit dem Irak und anderen Problemen seiner Regierung. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.6.2004)