Wien - Das geplante Referendum in Venezuela, das auf eine Amtsenthebung von Staatspräsident Hugo Chavez hinausläuft, werde dieses Ziel nicht erreichen, glaubt der venezolanische Schriftsteller Luis Britto Garcia, der sich derzeit zu einer Vortragsreihe in Wien aufhält. Andererseits werde die Oppositionsbewegung, obzwar ihre Unterstützung im Volk im Sinken begriffen sei, nicht ruhen, weiterhin eine Vertreibung Chavez' von der Staatsspitze zu betreiben, meinte der vielfach ausgezeichnete Autor und studierte Jurist bei einem Gespräch mit Journalisten.

"Konsultation der Wählerschaft"

Britto Garcia bezeichnete das Amtsenthebungsreferendum, das für den 15. August geplant ist, als eine "Konsultation der Wählerschaft". Die für die Abhaltung des Referendums von der Opposition gesammelten Unterschriften seien teilweise unter Druck geleistet worden, so hätten Unternehmen ihre Mitarbeiter dazu genötigt. Erforderlich waren 20 Prozent des Wählerpotenzials, d.s. rund 2,5 Millionen Unterschriften. Das Votum am 15. August werde aber geheim sein, so Britto.

Er erwarte "mit hoher Wahrscheinlichkeit", dass die Venezolaner am 15. August für einen Verbleib von Chavez stimmen werden, dessen reguläre Amtszeit 2006 ausläuft. Sollte aber das Gegenteil eintreten und das Referendum gegen den Präsidenten ausgehen, so würde sich Chavez "mit höchstem Respekt" gegenüber den legalen Institutionen verhalten, ist der Schriftsteller von der demokratischen Verlässlichkeit des umstrittenen Staatschefs und Ex-Putschisten überzeugt.

"Chavez würde wiedergewählt

1992 hatte Chavez als Offizier gegen den damaligen Präsidenten Carlos Andres Perez geputscht. 1998 wurde er mit großer Mehrheit demokratisch gewählt, 2000 nach einer von ihm durchgeführten Verfassungsänderung für weitere sechs Jahre im Amt bestätigt. 2002 wurde der umstrittene linkspopulistische Staatschef selbst Opfer eines Putschversuchs.

Nach Auffassung Brittos würde aber auch ein Nein zu Chavez beim August-Referendum für den Präsidenten kein politisches Ende bedeuten. "Bei der nächsten regulären Wahl wird er wiedergewählt." Die Oppositionsbewegung - zusammengesetzt aus Öl-Lobby, Unternehmerschaft, Traditionsparteien - verfolge nur das eine Ziel, Chavez aus dem Amt zu jagen. Sie habe "kein gemeinsames Programm" und "tausend Kandidaten" (für eine Präsidentschaft, Anm.) und wolle alles privatisieren - die Ölindustrie, das Bildungswesen, die Sozialversicherung.

Oppostion wir Chavez nie akzeptieren

Zugleich werde der politische Konflikt in Venezuela weitergehen, wenn auch viel weniger intensiv, verglichen mit dem großen, gewalttätigen Ölstreik von 2002, meinte der Literat. "Die Opposition wird Chavez nie akzeptieren." Botschafter Gustavo Marquez Marin bezeichnete die Oppositionsbewegung als wenig koordiniert, sie umfasse "demokratische und nicht demokratische Elemente". Das geplante Referendum werde jedenfalls die demokratischen Einrichtungen Venezuelas festigen.

Britto Garcia, geboren 1940 in Caracas, promovierter Jurist, ist Träger zahlreicher Auszeichnungen. 1980 erhielt er für sein Stück "Die Messe des Sklaven" den Lateinamerikanischen Dramaturgiepreis, 2002 für sein Gesamtwerk den Nationalen Literaturpreis Venezuelas. Er ist auch als politischer Essayist und Kommentator hervorgetreten. (APA)