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Hoffnungsträger des modernen Serbien: Boris Tadic

Foto: AP/ Srdjan Ilic
Sportlich gekleidet und selbstsicher schreitet Boris Tadic mit erhobenen Händen auf die Bühne im Zentrum Belgrads. Der "Platz der Republik" ist voll. Tausende Menschen begrüßen den neuen Hoffnungsträger des "modernen, prowestlichen" Serbien. Die Stimmung ist gelassen, die vorwiegend jungen Leute sind gut gelaunt.

Auf der Bühne stehen Tadic' Frau, seine zwei Töchter und die Witwe des im Vorjahr ermordeten Premiers Zoran Djindjic. Bekannte Schriftsteller, Musiker, Sportler und Schauspieler werben für den gut aussehenden Politiker und Frauenliebling mit dem knabenhaften Gesicht und grauen Haar. Ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat könnte seinen Auftritt nicht besser inszenieren.

"Am Sonntag werden die Bürger Serbiens eine Botschaft in die Welt schicken", donnert Tadic warnend. Diese Botschaft werde lauten: Vorwärts nach Europa oder zurück in die Isolation. Tadic appelliert an alle Bürger Serbiens, zu den Urnen zu gehen und ihr "Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen". Denn sein Sieg würde allen Einwohnern Serbiens Prosperität, der Sieg seines Kontrahenten in- ternationale Verhöhnung und Ruin bringen.

Die Meinungsforscher sind sich einig: Eine höhere Wahlbeteiligung vergrößert die Chancen Tadic', eine niedrige jedoch die Aussichten von Tomislav Nikolic, dem Kandidaten der ultranationalistischen Serbischen Radikalen Partei (SRS), der in der ersten Runde vorn lag. Die SRS verfüge nämlich über eine sehr disziplinierte Wählerschaft. Auf der anderen Seite könnte die offene Gegnerschaft einzelner Parteien im "demokratischen Lager" Tadic zum Verhängnis werden.

Die meisten Medien und Parteien unterstützen Tadic, der auffallend mehr Geld für seine Wahlkampagne zur Verfügung hat als Nikolic. Selbst der nationalkonservative Premier Vojislav Kostunica rief - zwar zähneknirschend und halbherzig - seine Anhänger auf, am Sonntag für seinen ärgsten politischen Gegner Tadic zu stimmen. Der Wahlstab von Tadic' Demokratischer Partei (DS) versucht, alle demokratischen Kräfte zu mobilisieren und eine Art "französischer Situation" zu schaffen, wo sich eine breite Front gegen den Rechtsextremisten Le Pen bildete und Jacques Chirac einen klaren Sieg ermöglichte.

Doch Serbien ist nicht Frankreich, und das weiß auch Nikolic. Der Radikale tourt unermüdlich durchs Land mit dem Slogan "Einer gegen alle". Er spricht todernst von der "vernichtenden Verbindung" zwischen Politik und organisiertem Verbrechen, die er sprengen würde.

Die nationalistische, kriegshetzerische Rhetorik aus der Milosevic-Ära hat Nikolic durch sozialen Populismus ersetzt. Er zeigt mit dem Finger auf Politiker wie Tadic in "Tausend-Dollar-Anzügen" und fragt, woher sie das Geld für solchen Luxus hätten, während das sozial ruinierte Serbien mit über einer Million Arbeitslosen hungere. Der Radikale präsentiert sich als friedliebender Kosmopolit, der stolz auf seine Kampferfahrung im Krieg für das Serbentum ist und nun mit "politischen Mitteln" die Grenzen Großserbiens zeichnen will. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.6.2004)