Berlin – Die Nato will bei ihrem Gipfel mit Entscheidungen zu den Krisenherden Irak und Afghanistan unter Beweis stellen, dass sie weiterhin gebraucht wird. Die Staats- und Regierungschefs der Nato kommen am Montag und Dienstag kommender Woche in Istanbul zu ihrem ersten Gipfel zusammen, seitdem der Streit über den Irak-Krieg das atlantische Bündnis in die schwerste Krise seiner 55-jährigen Geschichte stürzte. Die Beratungen über die Zukunft des Iraks, der am Tag nach dem Gipfel seine Souveränität zurück erhalten soll, werden im Bemühen um neue Gemeinsamkeit geführt.

Nachdem die US-Forderung nach einem größeren militärischem Engagement der Nato im Irak weitgehend vom Tisch ist, könnte am Ende eine Hilfe der Allianz bei der Ausbildung irakischer Soldaten stehen. Für Afghanistan soll ein stärkerer Einsatz des Bündnisses beschlossen werden.

Im Vorfeld des Treffens betonten Vertreter der USA und anderer Staaten, dass die Nato eine zentrale Rolle in der internationalen Politik und im Kampf gegen Terrorismus spielen werde. Solche Bekenntnisse sollen unterstreichen, dass der Riss durch die Nato in der Irak-Krise der Vergangenheit angehört. Zudem soll der Gipfel eine positive Bilanz der vor 18 Monaten beim Prager Nato-Gipfel beschlossenen Neuausrichtung der Allianz auf den Kampf gegen internationalen Terrorismus ziehen. Auch damit will die Nato ihre Bedeutung in einem neuen sicherheitspolitischen Umfeld belegen.

Zu dem Gipfel werden die Staats- und Regierungschefs der 26 Mitgliedsstaaten erwartet, darunter US-Präsident George W. Bush. Die lange Zeit heftig umstrittene Frage eines von den USA geforderten stärkeren militärischen Engagements der Nato im Irak ist im Vorfeld des Gipfels entschärft worden. Bush machte beim G-8-Gipfel Anfang Juni klar, dass er ein solches Engagement nicht mehr erwartet.

Mit der einstimmig verabschiedeten UN-Resolution zum weiteren Vorgehen im Irak gibt es wieder eine gemeinsame Grundlage einer Irak-Politik auch für die Nato-Staaten. Inzwischen zeichnet sich ab, dass der Gipfel dem Irak die Unterstützung der Nato in kleineren Fragen anbieten wird. Laut Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer dürfte der Gipfel die Ausbildung irakischer Militärs anbieten; die deutsche Bundesregierung hat ihre Zusage bekräftigt, einzelne Offiziere in Deutschland auszubilden. (Reuters/DER STANDARD, Printausgabe, 25.6.2004)