Moskau/Wien - Die Rebellenangriffe in der Tschetschenien benachbarten russischen Kaukasusrepublik Inguschetien haben in Russlands Sicherheitsapparat offenbar einen Schock ausgelöst. Ausmaß und Umstände der Überfälle, bei denen nach neuesten Angaben mehr als 90 Menschen getötet wurden, legen zumindest zwei Vermutungen nahe: Die Geheimdienste haben versagt, und bei den russischen Sicherheitskräften muss es Leute geben, die mit den Rebellen oder Terroristen, wie sie von Moskau ausnahmslos bezeichnet werden, kollaborieren. "Ohne Verrat in den russischen Truppen hätten die Rebellen niemals eine solche Operation durchführen können", meinte etwa der ehemalige russische Verteidigungsminister Igor Rodionow.

Russischen Medienberichten zufolge hatten viele der rund 200 Angreifer gefälschte Ausweise russischer Sonderpolizeieinheiten und fuhren in gestohlenen Polizeiautos. Sie hielten Autos an und kontrollierten die Papiere der Insassen. "Arbeiter, Kleinhändler und Arbeitslose ließen sie laufen, Staatsbeamte aber wurden auf der Stelle erschossen", schrieb die Moskauer Zeitung Kommersant.

Entgegen ersten Berichten waren die meisten Angreifer Inguscheten und nicht Tschetschenen. Nur etwa 50 seien aus Tschetschenien gekommen, sagte Alexander Lopuschinskij, Gesandter an der russischen Botschaft in Wien, am Donnerstag in einem Pressegespräch. Viele der Angreifer hätten "mehr nach Arabern" ausgesehen.

"Sollen USA mit Bin Laden reden?"

Zweck der Angriffe sei es laut Lopuschinskij gewesen, die sich normalisierende Lage in Tschetschenien und der gesamten Kaukasusregion wieder zu destabilisieren. Lopuschinskij spricht auch von "materiellen Beweisen" für direkte Verbindungen zwischen tschetschenischen Extremisten mit Al-Kaida und den Urhebern der Anschläge in Madrid vom 11. März. Auf die Frage, warum Moskau mit dem als gemäßigt geltenden früheren tschetschenischen Präsidenten Aslan Maschadow nicht verhandle (er lebt im Untergrund), meinte Lopuschinskij: "Würden Sie den USA empfehlen, mit Bin Laden zu verhandeln?"

Die offizielle Moskauer Normalisierungsversion wird nicht nur von Menschenrechtsorganisationen, sondern auch von russischen Medien heftig bestritten. So spricht die regierungskritische Zeitung Nowyje Iswestija von einem "Lügenbild vom Frieden in Tschetschenien und sich ergebenden Rebellenführern". Auch Präsident Wladimir Putin glaubt offenbar nicht mehr so recht an die Normalisierung, denn er kündigte jetzt eine Truppenverstärkung im Nordkaukasus an. Kurz zuvor hatte Verteidigungsminister Sergej Iwanow, ein enger Vertrauter Putins, noch gemeint, in der Region seien genug Truppen stationiert, um derartige Überfälle zu verhindern. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.6.2004)