Es gibt ganz, ganz wenige Männer, denen die Gnade widerfährt, noch zu Lebzeiten mit Beschreibungen geadelt zu werden, die an sich Frauen vorbehalten sind. Rudi Völler aber ist genau das passiert - ihn nennen sie, seit sein an Dauerwellen erinnerndes Haar zu ergrauen anfing, "Tante Käthe". Er widersprach dieser Charakterisierung nie. Tante Käthe schon. Aber wer fragt schon Tante Käthe?

Tante Käthe kam am 13. April 1960 in Hanau als Rudolf Völler zur Welt. Als Achtjähriger begann er beim dortigen TSV 1860 zu kicken, um sich über die Kickers in Offenbach, 1860 München und Werder Bremen für Italien zu empfehlen, wo er fünf Jahre lang die Römer bei ihrem AS bezauberte. Über Olympique Marseille kehrte er nach Leverkusen zurück, wo er ins Betreuerfach hineinwuchs.

Völler war Sportdirektor bei Bayer unter Trainer Christoph Daum. Der sollte Teamchef werden, schlitterte aber in eine "Kokainaffäre", aus der eben Tante Käthe als Teamchef der deutschen Nationalmannschaft hervorging. Das war im Juli 2000, knapp nachdem die Deutschen in der EM-Vorrunde in Belgien und den Niederlanden ausgeschieden waren. Nun, nach vier Jahren, 53 Länderspielen mit 29 Siegen, 11 Unentschieden, 13 Niederlagen und einer WM- Finalteilnahme, nahm die Tante Käthe ihren Hut. Seinen bis zur Heim-WM 2006 laufenden Vertrag könne er nicht erfüllen. "Ich hatte das Gefühl, dass durch die WM im eigenen Land es nur jemand machen kann, der unbefleckt ist, einen gewissen Kredit hat in diesen zwei Jahren - einen ähnlichen Kredit, wie ich ihn hatte."

Rudi Völler, der im finalen Gruppenspiel gegen die B- Auswahl der Tschechen an der Outlinie tanzte wie Rumpelstilzchen im Märchen der Gebrüder Grimm, denen sie in Hanau ja ein schönes Denkmal gesetzt haben, Rudi Völler scheiterte letztlich daran, dass ihm einer fehlte, wie er selbst einmal gewesen ist: ein "Knipser". Einer, der die entscheidenden Tore machen kann. Einer, der es - in einem durchaus rumpelstilzchenartigen Spagat - schafft, den individuellen Torehrgeiz mit der Mannschaftsdienlichkeit zu verbinden. Dass er darüber hinaus auch ein Mensch geblieben ist - und kein "Kaiser" wurde -, ebnete ihm auch den Weg in die Herzen der Menschen. "Das Besondere an diesem Profi", so schrieb es einmal die Süddeutsche, "ist die Echtheit seines Wesens."

Frank Rijkaard nannte die damals noch nicht als "Tante" wahrgenommene Käthe einen "fanatischen Fußballspieler". Das war kurz vor der WM in Italien. Zwischen Rijkaard (aktiv) und Völler (passiv) ereignete sich genau dort aber die erste international hochbeachtete Spuckaffäre. Die schadete dem Fußball. Etwas, das Rudi Völler nie tun wollte. Weshalb er nun beschlossen hat, die Deutschen in ihrem Elend allein zu lassen. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD Printausgabe 25.06.2004)