Recklinghausen - Die Stadt Recklinghausen und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) wollen nach dem dramatischen Einbruch der Besucherzahlen bei den Ruhrfestspielen offenbar den Vertrag mit Regisseur Frank Castorf als künstlerischem Leiter lösen. Dies geht aus einem publik gewordenen Brief des RuhrTriennale-Intendanten Gerard Mortier hervor. Aus Protest will Mortier die Intendanz der Ruhrfestspiele, die er nur noch bis Ende Juli ebenfalls innehat, niederlegen. Mortier hatte Castorf trotz des Kartendebakels ausdrücklich unterstützt. Die Auslastung von Castorfs erstem Festivaljahr lag bei 30 Prozent. Nordrhein-Westfalens Kulturminister Michael Vesper (Grüne) hat am Freitag den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) als Gesellschafter der Ruhrfestspiele scharf angegriffen und Verständnis für den Schritt Mortiers geäußert.

Laut Mortier wollen der DGB und die Stadt Recklinghausen wegen des Zuschauerschwunds Frank Castorf als künstlerischen Leiter loswerden. Mortiers Vertrag läuft jedoch ohnehin nur noch wenige Wochen, nach der Sommerpause wechselt er zur Pariser Oper. Finanziert wird das Festival aus Mitteln des Landes, des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DBG) und der Stadt Recklinghausen. DGB und Stadt hatten die mittlerweile renommierte Kulturveranstaltung 1947 als "Arbeiterfest" gegründet.

Vorwürfe gegen den DGB

Der DGB hatte angekündigt, bei der Aufsichtsratssitzung am Montag den Kurs der Ruhrfestspiele neu bestimmen zu wollen. In der ersten von Castorf verantworteten Spielzeit waren nur noch 22.000 Besucher gekommen, knapp die Hälfte der Vorjahresspielzeit. Dazu sagte Vesper, der "Publikumseinbruch" bei der diesjährigen Spielzeit müsse zwar "kritisch und schonungslos" diskutiert werden. "Dies kann und darf aber nicht handstreichartig passieren", sagte Vesper.

Er warf dem DBG vor, an einer "konstruktiven Zusammenarbeit mit dem Land" nicht interessiert zu sein. Damit gefährde der DGB nicht nur die Ruhrfestspiele, sondern auch das "positive kulturpolitische Bild" des gesamten Ruhrgebietes.

Der DGB-Bundesvorstand wies die Vorwürfe Vespers zurück: "Wir haben mit Vesper über den Termin für die Aufsichtsratssitzung gesprochen und auch Castorf dazu eingeladen", sagte ein DGB-Sprecher in Berlin auf Anfrage.

Flimm: "Stillos"

Auch der designierte Intendant und Mortier-Nachfolger Jürgen Flimm kritisierte das Vorgehen von Stadt und Gewerkschaft im Westdeutschen Rundfunk als "stillos". "Das ist ein großer Schaden für die Reputation der Region und für die Reputation der Ruhrfestspiele", sagte Flimm. Er riet den Beteiligten zu mehr Gelassenheit. "Es haben schon ganz andere Leute am Anfang auf der Nase gelegen", sagte Flimm. "Dann dauert das ein paar Jährchen und dann ruckelt sich das zurecht." Frank Castorf war bisher für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.(APA/dpa)