"Liberales Herrentum auf der einen Seite und marxistischer Sozialismus auf der anderen haben dazu geführt, Volk und Kultur (. . .) immer mehr zu entfremden. Es gibt keine ,Kunst für die Kunst' und es gibt keine Klassenkultur und Klassenkunst. Sie ist da für das ganze Volk, zur inneren Bereicherung und zu edlem Genuss (. . .) Darum pflegen wir in Stadt und Land das alte Brauchtum, die Volksmusik, und unternehmen auf der anderen Seite den Versuch, die klassischen Leistungen der Kunst allen zugänglich zu machen." So umriss der Lyriker, VF-Kulturfunktionär und spätere Minister Guido Zernatto die Aufgabe des kulturpolitischen "Frontwerks Neues Leben".

Wenn im Programm nicht auch das Wort "österreichisch" enthalten gewesen wäre, hätte man es auch für einen NS-Entwurf halten können. Die austrofaschistische Bevorzugung des "Erdhaften", der Heimattümelei, allerdings statt des Nazi-Neuheidentums eng verknüpft mit dem Muckertum der im Ständestaat triumphierenden katholischen Kirche, sollten, wie Dollfuß in der Reichspost schrieb, weg vom verwerflichen "jüdisch-marxistischen Geist" führen. Es war kein Ausrutscher, dass das christlichsoziale Organ 1933 die Barbarei der Bücherverbrennungen in Hitlers Reich anerkennend kommentierte.

Das Blatt begrüßte es auch, dass am Palmsonntag 1934 im Burgtheater mit der Aufführung eines Passionsspiels nun dort "auf die großen kirchlichen Feste Bedacht genommen" würde. So standen Stücke nun längst vergessener katholischer Autoren wie "Die Landgräfin von Thüringen" (über Elisabeth, "die letzte große deutsche Heilige") am Programm. Aber auch vor dem faschistischen Protektor in Rom musste der Kotau gemacht werden: Mussolinis Dramen "Hundert Tage" und "Julius Cäsar" gingen über die Bretter der Staatsbühne. Andererseits verordnete man der Burg "Selbstzensur": so wurde aus dem Eingangsmonolog von Fausts Klage über seine frustrierenden Studien die Theologie gestrichen! Für die Stücke jener, die das Dritte Reich verlassen hatten, wie Bert Brecht und Anna Seghers, war kein Platz. Aber auch Werke von Robert Musil, James Joyce, Egon Erwin Kisch, André Malraux und Jaroslav Hasek waren seit 1934 entweder für die Ausleihe verboten oder wurden einfach ignoriert. Insbesondere die Arbeiterbüchereien der Gemeinde Wien wurden systematisch, zum Teil unter Beiziehung von Kaplänen, gesäubert.

Von 306.377 Büchern im Jahr 1933 blieben bis 1936 nur noch 277.508 im Bestand; davon waren rund 18.000 neu angeschaffte Bände - die Regale füllten sich mit Werken von Karl Waggerl und zahlreichen kleineren Kalibern der "Heimatdichtung" und des historischen Romans, von denen die meisten (wenn nicht ohnehin schon Nazi-Sympathisanten) auch nach dem "Anschluss" wohlgelitten blieben.

Kardinal Innitzer persönlich forderte die Regierung auf, rasch ein wirksames Filmzensurgesetz zu beschließen; andernfalls die Kirche "Selbsthilfegruppen" zum Boykott "unsittlicher" Filme aktivieren würden. Schon vor der Dollfuß-Diktatur waren die Christlichsozialen in Protesten gegen die "Unsittlichkeit" den Nazis kaum nachgestanden. So verursachten nicht nur das Auftreten Josephine Bakers im Bananenröckchen, sondern auch der Film "Ekstase" mit einer Nacktszene von Hedy Kiesler-Lamarr ungeheure Skandale. Dem Zensurgesetz nahmen die Produzenten durch Selbstbeschränkungen die Zähne, so dass Verbote selten erfolgten. Hingegen wurde mit dem Blick auf den Export nach Deutschland zunehmend auf jüdische Schauspieler verzichtet und für die Nazis unerwünschte Dialoge vermieden.

Schon vor 1938 zogen namhafte Kulturschaffende die Emigration dem Verbleib in Österreich vor. So verließen Stefan Zweig, Max Reinhardt, Hilde Spiel, Robert Neumann, Ferdinand Bruckner das Land; dass ihnen Guido Zernatto bald folgen würde, war noch nicht abzusehen. (Manfred Scheuch/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26./27. 6. 2004)