Heidelberg - Die Metastasenbildung von Krebsgeschwüren, also das Ausbreiten der zunächst lokal angesammelten Tumorzellen, stellt Onkologen noch immer vor eine große Herausforderung - je weiter die Metastasierung fortgeschritten ist, desto kleiner die Behandlungschancen.

Forscher haben nun erstmals den dahinter steckenden Mechanismus erforscht, berichtet das deutsche Bild der Wissenschaft: Entscheidend für die Ausbreitung ist ein Protein namens "Twist". Wird das Eiweiß von Krebszellen gebildet, können sich diese aus dem ursprünglichen Tumor lösen und neue Kolonien im Körper bilden, fanden Robert Weinberg und Kollegen vom Whitehead-Institut für Biomedizinische Forschung in Cambridge heraus.

Krebszellen können sich sehr unterschiedlich verhalten, nicht alle metastasieren. Einige Tumoren wuchern nur an Ort und Stelle. Das für die Ausbreitung verantwortliche Twist-Gen, jener Erbgutabschnitt, der die Produktion des gleichnamigen Proteins veranlasst, ist normalerweise während der frühen embryonalen Entwicklung aktiviert: Zellen, die Twist produzieren, können sich aus dem Verband lösen und an anderen Stellen neues Gewebe aufbauen. Das Twist-Gen ist jedoch nur kurze Zeit angeschaltet und wird für das restliche Leben normalerweise stillgelegt. Auf noch unbekannte Weise können jedoch Krebszellen das Twist-Gen offenbar reaktivieren und nach Bildung des Twist-Proteins auf Wanderschaft gehen.

Die Forscher entdeckten, dass das Twist-Gen in Metastasen angeschaltet ist, während es in Tumoren, die sich nicht ausbreiten, deaktiviert ist. Sie entnahmen bei Mäusen mit Brustkrebs Zellen aus bereits gebildeten Metastasen und deaktivierten künstlich das Twist-Gen in diesen Zellen. Eine anschließende Transplantation zeigte: Metastasenzellen ohne aktives Twist können sich nicht mehr im Körper ausbreiten.

Auch beim Menschen ist Twist an der Bildung neuer Krebsgeschwüre beteiligt, zeigte ein Vergleich mit Brustkrebspatienten. Was die Hoffnung auf neue therapeutische Wirkstoffe schürt, die etwa gezielt das Twist-Protein abfangen, um Metastasierung zu verhindern. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26./27. 6. 2004)