Anita Fritsche Für die Errichtung des Museums Guggenheim haben die Basken 1,75 Mrd. Schilling auf den Tisch geblättert und bekommen dafür tagtäglich die Rendite weltweiter Anerkennung. Eine mutige Investition, die durch ihre werbewirksame Eigendynamik dem Lande jeden weiteren Promotion-Etat erspart. Das Gehry-Kunstwerk in Augenschein zu nehmen, ist für Architekturfreaks und andere Kulturtouristen gesellschaftliche Pflicht. Um 25 Prozent stiegen die Nächtigungen in der Stadt. Und das Umland profitiert durch eine Plus von 50 Prozent. Auf den ersten Blick vermittelt Bilbao den Industriestädten eigenen Charme. Werftgelände und Wohnkasernen empfangen den Reisenden, der vom Flughafen kommt. Es ist später Nachmittag, und die Sonne taucht die rußgeschwärzten, einst ockerfarbenen Häuser der Vorstadt in milderes Licht. Neugierde regt sich erstmals im Zubringerbus, als sich am Fluß, dem Ria de Bilbao, die Museumsskulptur in ihrem matten Silbergrau der Titanverkleidung erhebt. Natürlich führt der erste Weg dorthin, schließlich ist man ja deswegen hergekommen. Aber es bleibt vorerst nur Zeit für einen flüchtigen Augenschein. Und das ist gut so. Denn wäre es Vormittag und das Museum noch geöffnet, würde die Konzentration auf den neuen Kulttempel der Baukunst die übrige Stadt vielleicht in den Schatten stellen. Und das wiederum wäre schade. Also erobert man zuerst die Stadt und konzentriert sich auf ihre Menschen. Und lernt zu verstehen, warum gerade hier dieses Museum steht. Es ist nicht Profilierungssucht, sondern stolzes Selbstbewußtsein, das ohne Arroganz zur Schau getragen wird, und die Selbstverständlichkeit ungetrübter Lebenslust. Iratze, unsere junge, baskische Begleiterin, kündigte an, daß ihre Stadt mehr Restaurants, Cafés, Diskotheken und Bars als Geschäftslokale hat. Der Ungläubige wird bekehrt, wenn er das nächtliche Treiben erlebt. Dieses abzuwarten, fällt bei der für ihre Bodenständigkeit bekannten baskischen Küche nicht schwer. Mehrgängige Menüs, die immer mit Anchovis, der Spezialität der spanischen Nordküste, beginnen. Und bis die verschiedenen Gemüse, Meerestiere, Fische, Eintöpfe und Fleischgerichte verzehrt sind und auch die vorzüglichen Käsesorten verkostet, ist es Mitternacht geworden. Das wird's auch, wenn man, der Gepflogenheit folgend, die Wanderung von Bar zu Bar einem Restaurantbesuch vorzieht. Dort biegen sich zur Essenszeit die Theken unter den Tapas, jenen herrlichen belegten oder bestrichenen Brötchen verschiedenster Sorten. Dazu trinkt man Sidra, den hier typischen Apfelwein, oder Txakoli, dessen Trauben an der Küste reifen. Wer danach schon schlafen geht, ist selber schuld. Der Neugierige forscht weiter. Iratze hatte recht: Die Nacht ist zu kurz und eine zu wenig, um diese Stadt, in der die Menschen scheinbar kaum Schlaf brauchen, durchtauchen zu können. Faszinierend, daß es die Basken und nicht die Touristen sind, die nachts die Straßen und Lokale bis zum Morgengrauen bevölkern. An den Stränden in den Buchten gibt es keine geschäftstüchtigen Aufdringlichkeiten. Touristen sind rar. Wenn, dann sind es zumeist Spanier aus dem nördlichen Landesinneren, die hierher zum Badeurlaub kommen. Der Wirt in der einschichtigen Taverne am Rande der Bucht freut sich, als wir ihn um ein Glas Weißwein bitten. Es ist bewölkt, und vermutlich sind wir an diesem Tag die einzigen Menschen, die er bewirten kann. Wir haben inzwischen auf unserer Küstenreise vom Baskenland in das benachbarte Kantabrien gewechselt. Auch hier sind die kleinen Dörfer am Weg nicht für Besucher herausgeputzt, sondern ehrlich, die Lebensbedingungen, die Fischer und Viehbauern - die Nordküste ist der Milchlieferant Spaniens - an sie stellen, nicht verbergend. Auch in jenen Orten, mit denen die Kantabrier ihr Land bewerben, ist die Gastfreundschaft noch ungetrübt von tourismusheischendem Begehren. Vielleicht, weil der bis über das 12. Jh. hinausreichende Jakobsweg durch diese Gegend führt und Pilger die regionalen Eigentümlichkeiten wenig stören. Ruhig liegen die Fischerboote brach in der Ebbe im Hafen des in die Römerzeit zurückreichenden Fischerdorfes Castro Urdiales, der Grenzgemeinde zur Baskenprovinz Bizkaya. Auf dem schmalen Streifen zwischen der Meerzunge auf der einen und den Felsen, die dem Atlantik trotzen, auf der anderen Seite drängen sich die Häuser mit ihren filigranen Balkonen und Veranden. Beherrscht von der Kirche de Santa Maria, dem angeblich besten gotischen Bauwerk Kantabriens. Stolz beherrscht auch die gotische Kirche La Asunción die Altstadt von Laredo, und amüsiert bestätigt man die Geschichte der seit 300 Jahren unveränderten Stadt Santillana del Mar, die im Volksmund die Stadt der drei Lügen genannt wird. Denn sie sei weder "santil" - heilig -, noch liege sie in der "lana" - Ebene -, noch am "mar", dem Meer. Die Hauptstadt Santander verströmt durch ihre Villen, Hotels, das Casino und die Meerpromenade im westliche Stadtteil noch immer einen Hauch jener Eleganz, die die Aristokraten hierher gebracht haben, als sie Mitte des 19. Jh. Santander als Ort für ihre Sommerfrische entdeckten. In nur fünf Tagen bleibt für einen Ausflug ins Landesinnere leider zu wenig Zeit. Genug jedoch, um sich von den zahlreichen Naturschutzgebieten des Landes den nur 17 km von Santander entfernt gelegenen Tierpark Cabárceno nicht entgehen zu lassen. Vor Tausenden Jahren Meeresgrund findet man dort in 750 ha wild zerklüftetem Gebiet, das allein schon sehenswert ist, rund 400 Tiere aus allen fünf Kontinenten in Gehegen, die für den Menschen nicht als solche erkennbar sind. © DER STANDARD, 8./9. August 1998 Automatically processed by COMLAB NewsBench