Wien - Der israelisch-palästinensische Friedensprozess sei daran gescheitert, sagt Aaron Barnea, dass er nie zum Versöhnungsprozess wurde. Insofern gäben sie, die "Bereaved Families" (beraubte Familien), der Geschichte eine "revolutionäre Note, eine neue menschliche Dimension": Gerade Israelis und Palästinenser, die im Konflikt einen Familienangehörigen ersten Grades (Kinder, Eltern, Geschwister) verloren haben - die also am meisten Grund zum Hass hätten -, haben sich zusammengetan und sagen: "Wir wollen nicht, dass andere den gleichen Preis bezahlen."

Ein Prinzip der Organisation "Parents Circle - Families Forum" ist, dass immer ein Israeli und ein Palästinenser gemeinsam auftreten. Mit Aaron Barnea war Khaled Abu Awad auf Initiative der Evangelischen Diakonie in Wien. Beide erzählten im Gespräch mit dem STANDARD von ihrem Verlust: Barneas Sohn wurde wenige Tage, bevor er seinen Militärdienst beendet hätte, von einem Hisbollah-Geschoß im Südlibanon getötet. Unter seinen Sachen, die den Eltern gebracht wurden, fand sich ein "Raus aus dem Libanon"-Sticker, ein "Vermächtnis" für die allerdings schon vorher friedensbewegten Eltern.

Abu Awad ging einen weiteren Weg: Er verlor zwei Brüder, einer davon 14, durch israelische Kugeln. Danach wurde er von der Gruppe kontaktiert. "Am Anfang hielt ich die für verrückt. Gerade weil ich Familienmitglieder durch Israelis verloren hatte, wollte ich keine Israelis sehen." Palästinenser kamen zu ihm und fragten ihn, ob er seine Brüder nicht rächen wolle. Er aber ging zu einem Treffen der "Bereaved Families", hörte anfangs nur zu - von der Sache überzeugt hätten ihn dann, so erzählt der Mathematiklehrer aus Hebron, "die Mütter".

Es gehe nicht um Vergessen oder Vergeben, "aber wir wollen, dass das Töten ein Ende hat", sagt Barnea. Die Gruppe ist besonders in Schulen aktiv, es gibt Hunderte Treffen mit israelischen und palästinensischen Kindern jährlich. Negative Reaktionen kämen kaum: Familien, die einen so großen Verlust erlitten haben, hätten in beiden Gesellschaften ein hohes soziales Ansehen. Ihr eigenes Leid könnten sie benützen, "um der anderen Seite ein menschliches Gesicht zu verleihen" - eine Voraussetzung für Frieden. Neben vielen anderen Initiativen hat die Gruppe im Herbst 2002 auch eine Telefonhotline "Hallo Shalom, hallo Salam" eingerichtet, auf der Palästinenser und Israelis miteinander reden können, um etwas voneinander zu erfahren.

Politisch wollen sich die "Families" ganz bewusst keiner bestimmten Richtung zurechnen: "Wir unterstützen alles, was die zwei Gesellschaften einander näher bringt." Eine politische Lösung herbeizuführen bleibe ein Job der Politiker, sagt Barnea. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.6.2004)