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Premier Paul Martin (re.) und sein Herausforderer Stephen Harper.

Foto: AP/CP, Fred Chartrand
Ottawa/Vancouver - Die kanadischen Parlaments- und Regierungswahlen, die am heutigen Montag stattfinden, könnten das Ende einer Ära bedeuten. Die seit 1993 regierende Liberale Partei muss um ihre Mehrheit fürchten. Nach einer Reihe von Korruptionsaffären sehen sich die Liberalen unter Premierminister Paul Martin einer massiven Unzufriedenheit vieler Wähler gegenüber.

Sie werden auch von einer geeinten und erstarkten Rechten, der neuen Konservativen Partei, bedrängt. Deren Vorsitzender, der 44 Jahre alte Stephen Harper, will Kanadas 28. Premierminister werden. Harper hatte Belinda Stronach, die Tochter des Vorstandschefs und Gründers von Magna International, Frank Stronach, im Rennen um den Vorsitz der Konservativen Partei besiegt. Die letzten Umfragen sagen ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraus.

22 Millionen Stimmbürger entscheiden nach dem Mehrheitswahlrecht über die Zusammensetzung des 308-köpfigen Parlaments. Bei den letzten Wahlen im November 2000 gewannen die Liberalen mit lediglich 40,8 Prozent der Stimmen 172 Parlamentssitze, das sind 57 Prozent der Abgeordneten. Die damals noch getrennte Opposition, die Kanadische Allianz und die Progressiven Konservativen, die drei Jahre später zur Konservativen Partei fusionierten, kam auf nur 78 Sitze.

Regierungschef Paul Martin, der im Dezember 2003 die Nachfolge des frühzeitig zurückgetretenen Liberalen Jean Chrétien antrat, hat heftig mit den Auswirkungen einer Korruptionsaffäre der früheren Regierung zu kämpfen. Martin war damals Finanzminister, will aber von den dubiosen Vorgängen nichts gewusst haben, die im Februar bekannt wurden. Es geht dabei um umgerechnet rund 60 Millionen Euro an Steuergeldern, die bei Firmen versickerten, die den Liberalen nahe standen.

Für viele Kanadier ist das ein weiterer Beweis für die Günstlingswirtschaft der Regierung. Das Wahlkampfmotto Harpers, "Elf Jahre Verschwendung, Misswirtschaft und Korruption", stieß auf offene Ohren. Martin dagegen präsentierte sich als Hüter der Einheit und der sozialen Institutionen Kanadas, etwa des staatlichen Gesundheitswesens. Obwohl der 66-jährige ehemalige Geschäftsmann von 1993 bis 2002 ein erfolgreicher Finanzminister war, ist sein Popularitätspegel rapide gesunken.

Der studierte Ökonom Harper, der drastische Steuersenkungen, weniger Staat und mehr Autonomie für die Provinzen verspricht, sieht sich unerwartet im Aufwind. Er ist aber für die meisten Kanadier ein unbeschriebenes Blatt. Harpers Eintreten für Kanadas Teilnahme am Irakkrieg und für eine Annäherung an die USA widersprechen der Haltung einer Mehrheit der kanadischen Bürger. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.6.2004)