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Nürnberger verlässt seinen Sessel im Parlament

foto: apa/jaeger
Wien - Einer der profiliertesten Parlamentarier tritt ab. Nach 20 Jahren im Nationalrat nimmt Metallerchef Rudolf Nürnberger (58) am Schluss der heutigen Sondersitzung Abschied vom Hohen Haus. Mit dem Vorsitzenden der Fraktion sozialdemokratischer Gewerkschafter verliert der SPÖ-Klub einen seiner besten und authentischsten Redner. In der Gewerkschaft wird seine Stimme aber weiter zu hören sein. Nürnberger wird sich von nun an voll auf die geplante Großfusion mit GPA, Druckern und Chemiearbeitern konzentrieren.

Nürnberger ergriff im Hohen Haus nicht übermäßig oft das Wort. Wenn es aber so weit war, konnte er sich der Aufmerksamkeit des Plenums sicher sein. Nie war der Metaller-Chef bemüht, mit Hochdeutsch zu brillieren. Ganz im Gegenteil sprach er in teils breitem Dialekt und klaren Worten, wie es dem Bild des Gewerkschafts-Vorsitzenden durchaus entspricht. Und er konnte die politischen Gegner damit zur Weißglut treiben, etwa als er bei der ÖGB-Menschenkette ums Parlament den tobenden VP-Klub mit seinem damaligen Chef Andreas Khol geradezu vorführte.

Das Parlament war bei Nürnberger aber eher nur Nebenschau-Platz. Bei allen wichtigen Entscheidungen, die in der SPÖ während der letzten Jahrzehnte getroffen wurden, war der Metaller-Chef, der seit 1988 seine Gewerkschaft anführt, dabei. Ob es um die Kür von Parteivorsitzenden, Vorgänge in der Gewerkschaft oder aber auch Regierungsverhandlungen ging, Nürnbergers Wort zählte immer.

Nur Freunde brachte ihm diese Machtposition freilich nicht ein. Nürnberger wird von der ÖVP zumindest nach außen hin bis heute für das Scheitern der rot-schwarzen Regierungsverhandlungen im Jahr 2000 verantwortlich gemacht. Schließlich hatte der FSG-Chef dem Koalitionspakt seine Unterschrift verweigert - freilich nicht ohne davor in den eigenen Reihen die Lage auszuloten. Und die Gewerkschaftsbasis sagte damals ein eindeutiges Nein zum letztlich gescheiterten Klima/Schüssel-Papier.

Aber auch in der Gewerkschaft ist der manchmal aufbrausende Nürnberger alles andere als unumstritten. Mit seinem jetzigen Fusions-Partner, Privatangestellten-Chef Hans Sallmutter, pflegt der Metaller-Vorsitzende seit Jahren eine innige Feindschaft. Und auch ÖGB-Chef Fritz Verzetnitsch soll in internen Sitzungen nicht nur einmal erzittert sein, wenn Nürnberger zu einer Brandrede anhob.

Die absolute Nummer eins ist Nürnberger, Vater eines erwachsenen Sohns und verheiratet, in der eigenen Gewerkschaft, die ihn vergangene Woche mit mehr als 98 Prozent Zustimmung als Vorsitzenden wieder gewählt hat. Einer der Gründe dafür ist, dass er es immer wieder verstanden hat, einerseits die Reihen dicht zu halten und andererseits, dass es ihm stets gelungen ist, ordentliche Lohnabschlüsse für die Branche zu schaffen. Sein umsichtiges Vorgehen bei den KV-Verhandlungen hat Nürnberger auch den Respekt der Arbeitgeber-Seite eingebracht.

Eine große politische Aufgabe steht dem gelernten Werkzeugmacher aus Niederösterreich noch bevor - die gewerkschaftliche Großfusion über die Bühne zu bringen. Nach anfänglichem Elan ist das Projekt zuletzt ins Stocken geraten. Neben persönlichen Animositäten sind es vor allem finanzielle Fragen und die unterschiedliche Mentalität der Arbeitergewerkschaft Metall/Textil bzw. der Angestellten-Gewerkschaft GPA, die bisher einen Durchbruch bei den Verhandlungen verhindert haben. Es wird nun unter anderem an Nürnberger liegen, in einem Kraftakt doch noch die neue Gewerkschaft fertigzustellen.

Auch Sima nimmt Abschied

Abschied nehmen aus dem Hohen Haus war Montag Nachmittag das Motto für zwei prominente SPÖ-Abgeordnete. Gegen Ende der Nationalrats-Sondersitzung sagten Umweltsprecherin Uli Sima und Metallerchef Rudolf Nürnberger ihren Kollegen nochmals Dank und dem Parlament Adieu. Sima fungiert ab Juli als Umweltstadträtin in Wien, Nürnberger konzentriert sich ganz auf seine Aufgaben in der Gewerkschaft.

Sima konnte nach viereinhalb Jahren im Parlament eine gewisse Rührung nicht verbergen: "Die Abschiedsrede fällt mir genauso schwer wie meine Antrittsrede". Es sei am Anfang für sie als Quereinsteigerin nicht sehr einfach gewesen, im Hohen Haus zu Recht zu kommen. Letztlich sei es aber eine "sehr schöne und sehr lehrreiche Zeit" gewesen.

Dass sie nicht immer die einfachste aller Abgeordneten war, gab Sima unumwunden zu. Klubchef Josef Cap verdanke ein, wenn nicht zwei seiner grauen Haare ihr, feixte die scheidende Umweltsprecherin. Besonders viel Spaß gemacht und mit Stolz erfüllt hat Sima der einstimmige Beschluss des Tierschutzgesetzes, ein "Lehrstück für parlamentarische Arbeit". Als ihren Nachfolger in der Rolle des Umweltsprechers präsentierte sie Kai-Jan Krainer.

Im Anschluss war es an Nürnberger, sich zu verabschieden. Als Grund, nach 21 Jahren das Haus zu verlassen, gab er an, seine ganze Arbeitskraft der Gewerkschaft Metall/Textil zur Verfügung stellen zu wollen. Zu seinem eigenen Agieren im Parlament meinte der Metallerchef, er wisse, dass es bei seinen Reden immer einen etwas lauteren Lärmpegel gegeben habe. Aber er sie immer bemüht gewesen, nie persönlich oder unter der Gürtellinie zu agieren. Sollte es doch einmal passiert sein, bitte er um Nachsicht.

Nationalratspräsident Andreas Khol (V) fand für die beiden SP-Abgeordneten zum Abschied freundliche Worte. Sima attestierte er, sich über die Parteigrenzen hinweg Resekt als Umweltexpertin erarbeitet zu haben. Und bei Nürnberger meinte Khol Bezug nehmend auf den lang anhaltenden Applaus aus dem Plenum, der Beifall zeige, dass sich der Metallerchef Ansehen, Respekt und Wertschätzung aller Fraktionen erworben habe: "Sie haben immer mit offenem Visier gekämpft, sehr direkt, immer mit Humor, Handschlagqualität. Wir bedauern, dass Sie aus diesem Haus herausgehen". (APA)