"Catwoman"

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Spider-Man 2

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Was in den USA früher einmal "Sommerkino" hieß – aufwändige Spektakel, Heldenepen, Kino als Achterbahn –, wird mittlerweile über das ganze Jahr hinweg angeboten. Anmerkungen zu einem Jahr erstaunlicher neuer Strategien in Sachen Erfolg an den Kinokassen.


Sommerkino – so eine mögliche Definition eines an und für sich etwas diffusen Begriffs –, Sommerkino ist dann, wenn sich alle lustvoll und ehrgeizig im Weg stehen. Zu viele Filme, zu viele Investitionen, zu viele Stars für zu wenige Kinos. Was nicht sofort einschlägt, muss sofort wieder raus. Wenn der Day After Tomorrow nicht bis übermorgen anhält: Hinter ihm wartet schon der nächste potenzielle Blockbuster. Was, wenn Tom Cruise als psychopathischer Taxi-Fahrgast in Collateral gleich auch Halle Berry als Catwoman killt?

Aus den Augen, aus dem Sinn: Gerade im Sommerkino konnte man immer sehr gut beobachten, wie das funktioniert. Dennoch: Heuer ist es anders, eigentlich schon seit geraumer Zeit. Hat es damit angefangen, dass Harry Potter im Vorjahr auf seinen angestammten Weihnachtstermin verzichtete? – Nicht zuletzt, weil er damit in Konflikt mit dem Herrn der Ringe geraten wäre, der im Winter und Frühling Besucherzahlen schrieb, von denen man früher außerhalb des Sommers nicht einmal träumen hätte können.

Oder hat sich die Verschiebung, dieses "Das ganze Jahr ist Hochsaison" nicht vielmehr schon vor Jahren mit Titanic angekündigt, dem immer noch erfolgreichsten Film aller Zeiten, der auch bereits zu Weihnachten Kurs gen Milliardengeschäft nahm? Ist diese Umverlagerung heuer nicht auch schon im immensen (Frühlings-)Hit Die Passion Christi manifest geworden? 600 Millionen Dollar an weltweiten Einspielergebnissen bei einem Produktionsbudget von rund 15 Millionen Dollar – dagegen nimmt sich auch Der Herr der Ringe fast schon ärmlich aus.

Seltsame Phänomene, die früher bestenfalls als Ausnahmen gegolten hätten, die die Regel bestätigen – mittlerweile sind sie selbst fast zur Regel geworden: Michael Moore konnte heuer bereits ziemlich selbstbewusst behaupten, dass er mit einem Dokumentarfilm einen Hit landen könnte. Natürlich sind bei Fahrenheit 9/11 auch der komödiantische Appeal und die aktuelle politische Lage ein wesentlicher PR-Faktor, dennoch: Platz eins in den US-Charts – das wäre für so eine Produktion bis dato undenkbar gewesen. Und ironischerweise ergibt sich diese neue Offenheit des Marktes gerade aus Vertriebsmöglichkeiten, die man noch vor Jahren kulturpessimistisch beklagt hätte: Multiplexe, digitale Abspielmöglichkeiten, dauerhafte Präsenz in einem engmaschigen medialen Netzwerk.

Wohlgemerkt: Wir reden hier nicht unbedingt von "Qualität". Es geht um Kosten-Nutzen-Rechnungen, die sich neu strukturieren. Diesbezüglich ist im US-Kino der größte Paradigmenwechsel seit Krieg der Sterne und der Erfindung des Blockbusters Mitte der Siebzigerjahre im Gang.

Revolutionen

Damals war es ein "unabhängiger" Regisseur wie George Lucas, der quasi mit der Erfindung optimierter Vermarktungs- und Franchisemodelle das Geschäft der Großstudios von Grund auf veränderte. Und auch heute sind es wieder "unabhängige" Kreative und Manager, die das System revolutionieren. Regisseure wie zum Beispiel Peter Jackson (Herr der Ringe), Sam Raimi (Spider-Man 2), die früher als Trashkünstler gehandelt wurden, sind in dieser Entwicklung ebenso repräsentativ wie jene Computerfreaks, die einen Familienfilm wie Shrek mit Musik von Tom Waits oder Nick Cave unterlegen – ohne irgendwelche Einbußen an breiter Popularität in Kauf nehmen zu müssen.

Natürlich: Daneben blüht immer noch das Geschäft mit kalkulierbaren Größen: Starpower – siehe Tom Cruise im Thriller Collateral oder Tom Hanks in Steven Spielbergs Emigrationskomödie The Terminal. Spezialeffekte – Will Smith in I, Robot. Superhelden, nicht selten nach Comicvorlagen – Spider-Man 2, Catwoman, Blade: Trinity. Und wenn Actionproduzent Jerry Bruckheimer im Gefolge seines Vorjahreshits Der Fluch der Karibik wieder alles auf eine Karte setzt, dann tut er das in einem ähnlich bewährten Terrain wie zu Beginn des Sommers Wolfgang Petersen mit Troja: Mit Rittern zwischen rasenden Kameras könnte nach King Arthur demnächst auch das Nibelungen-Epos wieder als Kinostoff attraktiv werden.

Das der Winter diesem Sommerangebot auch nur irgendwie nachsteht, ist trotz Abwesenheit eines Herrn der Ringe – Teil 4 nicht zu erwarten. Oliver Stone bringt sein Epos über Alexander den Großen in die Kinos, Martin Scorsese hat wieder mit Leonardo DiCaprio gedreht ( The Aviator ), und wenn Jim Carrey die Verfilmung der grimmigen Jugendbestseller-Serie Lemony Snicket's Series of Unfortunate Events nicht in Richtung Millionenerfolg trägt, dann ... (DER STANDARD, Printausgabe, Beilage Sommerkino 2004, 1.7.2004)