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Mijailovic war in erster Instanz zu lebenslanger Haft für das Attentat auf die 46-jährige Lindh verurteilt worden.

Foto: Reuters/BENSCH
Stockholm - Der für den Mord an der schwedischen Außenministerin Anna Lindh verurteilte Mijailo Mijailovic hat auch im Berufungsverfahren, das Montag begann, die Aussage verweigert. Der 25-jährige Sohn serbischer Zuwanderer sagte vor dem Stockholmer Oberlandesgericht auf Fragen des Staatsanwaltes nur: "Ich schaffe es nicht."

Mijailovic war in erster Instanz zu lebenslanger Haft für das Attentat auf die 46-jährige Lindh verurteilt worden. Er hatte die sozialdemokratische Politikerin letzten September im Stockholmer NK-Kaufhaus erstochen, als Lindh ohne Begleitung von Leibwächtern Bekleidung einkaufen wollte.

"Zwang innerer Stimmen"

Vor Gericht hatte der Angeklagte bestritten, dass er die Ministerin töten wollte, und erklärt, dass er unter dem "Zwang innerer Stimmen" gehandelt habe. Bei einer rechtspsychiatrischen Diagnose waren jedoch keine ernsthaften psychischen Störung festgestellt worden. Die Richter sahen es daher als erwiesen an, dass Mijailovic die Ministerin unter Vorsatz und kaltblütig erstochen hatte. Mijailovic' Anwalt Peter Althin kritisierte, dass die Richter kein Tatmotiv gefunden hätten und legte Berufung ein.

Nun geht es um die Frage, ob der 25-Jährige bei der Tat im September zurechnungsfähig war oder nicht. Mijailovic kann im Berufungsprozess auf ein milderes Urteil hoffen. Vor Beginn des Berufungsverfahrens hatte das Oberlandesgericht eine neue Untersuchung angeordnet. Demnach leidet Mijailovic an einem psychotischen Syndrom und braucht dringend psychiatrische Betreuung. Althin hofft daher auf die Umwandlung der Gefängnisstrafe seines Mandanten in Anstaltspflege. Sein Klient habe die Folgen der zehn Messerstiche nicht einschätzen können und nicht beabsichtigt, Lindh zu töten, sagte er.

Frei nach Heilung

Das Berufungsverfahren soll höchstens drei Verhandlungstage dauern. Rechtsexperten zufolge ist völlig offen, wie sich das Gericht entscheiden wird. Der Richterspruch sei als Wegweiser zu sehen, ob Schweden künftig die Bestrafung oder die Behandlung psychisch gestörter Täter in den Vordergrund stellen wolle. Staatsanwältin Agnete Blidberg hatte zuvor die sich widersprechenden Gutachten als "bedauerlich" bezeichnet. Sie bleibt bei ihrem Plädoyer auf vorsätzlichen Mord.

"Lebenslange Haft" beschränkt sich in Schweden auf 15 Jahre. Eine Einweisung in die Psychiatrie ist hingegen nicht zeitbegrenzt: Der Verurteilte wird freigelassen, wenn ihn die Ärzte als geheilt bezeichnen. (dpa, red, Der Standard, Printausgabe, 29.06.2004)