Zürich/Berlin/ - Mit der vorverlegten formellen Wiederherstellung der irakischen Souveränität, die allerdings noch stark eingeschränkt ist, beschäftigen sich am Dienstag zahlreiche europäische Blätter:

Neue Zürcher Zeitung

"Paul Bremers schneller Abgang ist freilich auch das Zeichen des amerikanischen Scheiterns im Irak. Die Freiheit und Ordnung, die sie meinten, haben die Amerikaner dem Irak nicht gebracht. Bremer und seine provisorische Koalitionsverwaltung räumen nun das Feld, um Irakern die Möglichkeit zu geben, die Freiheit und Ordnung aufzubauen, die sie selbst meinen. (...) Was ein Volk, das zwanzig Jahre der Diktatur über sich ergehen ließ, unter Freiheit und Ordnung versteht, ist vielleicht nicht dasselbe wie das, was Exilpolitikern vorschwebt, die im Windschatten der amerikanischen Invasion zurückgekehrt sind."

taz, Berlin

"Die Machtübergabe lässt wenig Raum für Hoffnung. Denn einerseits ist die nunmehr behauptete 'Souveränität' ein schlechter Witz, solange die bisherigen Besatzungstruppen im Land stationiert bleiben und die weitere politische und wirtschaftliche Entwicklung wesentlich durch vom bisherigen Besatzungschef Paul Bremer formulierte Dekrete bestimmt wird. Unter diesen Bedingungen kann eine irakische Regierung - selbst wenn sie aus noch so kompetenten und integren Personen zusammengesetzt wäre - nicht die Glaubwürdigkeit und den Rückhalt in der Bevölkerung erhalten, die notwendig sind, um das Land zu befrieden und wieder aufzubauen."

Der Tagesspiegel, Berlin

"Die vorgezogene Zeremonie hinter verbarrikadierten Türen wurde bis zuletzt geheim gehalten. (...) Das war keine Demonstration der Stärke, sondern eine Flucht nach vorn. Das Heft des Handelns können Amerikaner und Iraker den Aufständischen nur für einen Tag nehmen. Und öffentlich zelebrieren konnten sie diese historische Zäsur nicht - schon gar nicht auf den Straßen mit der Bevölkerung." The Daily Mail, London "Nichts symbolisiert das katastrophale Abenteuer der Briten und Amerikaner im Irak eindringlicher als die Art und Weise der Machtübertragung. Diese großartige 'Feier der Demokratie' musste in aller Heimlichkeit um zwei Tage vorgezogen werden - und Minuten später schon macht sich Zivilverwalter Bremer davon. Wäre die Besatzung ein Erfolg gewesen, hätte eine minutiös organisierte Medienberichterstattung stattgefunden, genauso wie bei der Invasion im vergangenen Jahr. Doch die traurige Wahrheit ist natürlich, dass es einfach nichts zu feiern gibt. Die Alliierten haben ein Land übergeben, dass praktisch unregierbar ist, indem sie Saddam Hisseins Streitkräfte, Verwaltung und Polizei aufgelöst haben. Und der Krieg gegen den Terror? Der Irak, ein Land, das in erbitterter Opposition zu Osama bin Laden stand, wird jetzt von Al Kaida überrannt. Der Iran entwickelt seine eigenen Atomwaffen. Saudiarabien könnte unter der Bedrohung durch den islamischen Fundamentalismus zusammenbrechen. Der Nahost-Konflikt ist schlimmer denn je. Kein Wunder, dass diese neue Epoche im Irak nicht mit Fanfaren begrüßt wird..." Le Figaro "Die wirkliche Hierarchie zwischen der provisorischen Regierung des CIA-nahen Allawi und des neuen US-Botschafters John Negroponte muss sich erst noch zeigen. Bush kann geltend machen, dass er Wort gehalten hat. (...) Der Fortschritt liegt in großem Maß in der Form. Und die Risiken bleiben. Man kann die Demokratie nicht aufzwingen. Vor allem nicht in der Weise, wie Washington das versucht hat. Der Wille des Präsidenten Bush, seine Verbündeten in diese 'neue Phase' einzubeziehen, ist verständlich." Liberation, Paris "Man sollte die Übergabe der Souveränität besser nicht für das nehmen, was es nicht ist: das Ende der Besetzung des Irak und der mit ihr verbundenen Gewalttaten. Man würde mit Sicherheit enttäuscht. (...) Bush will mit seinem Taschenspielertrick die US-Wähler davon überzeugen, dass der Ausweg aus dem Irak geebnet ist. Indem er die GIs in die zweite Linie zurücksetzt, hofft er, auch ihre Verluste bis zum 2. November zu verringern und andere Länder dazu zu bewegen, ihn zu unterstützen. La Repubblica "Die besten Verbündeten der neuen Regierung, die lediglich formell souverän ist, sind die Terroristen. Die Iraker begrüßen oder tolerieren zumindest die Angriffe auf Amerikaner. Aber sie ertragen nur schwer die Angriffe, die wahllos ihre Landsleute treffen. Diese Angriffe aber werden häufiger und werden Fremden zugeschrieben, die ins Land gekommen sind. Der Jordanier Zarqawi, die neue Inkarnation des Bösen, der mit Al Kaida und allen anderen Dämonen des internationalen Terrorismus Verbindungen haben soll, wird jetzt im Irak als der absolut Verantwortliche für alles Blutvergießen dargestellt." de Volkskrant "Iyad Allawi und seine Leute werden sich als wahre Balancekünstler erweisen müssen, um zu verhindern, dass das Land in einen Bürgerkrieg abgleitet. Sie müssen deutlich machen, dass sie keine Strohmänner der Vereinigten Staaten sind, haben aber weiterhin unverändert die Hilfe amerikanischer und anderer ausländischer Truppen nötig, um das Land vor weiterer Destabilisierung zu bewahren." (APA/dpa)