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Foto: AP Photo/Srdjan Ilic
So einen Präsidenten hat man gern: charmant, eloquent, sportlich gekleidet. Genau so ein Mann soll das kleine Serbien in der großen Welt vertreten: gebildet, modern, jugendlich und energisch. Wenn die Mächtigen in Brüssel und Washington den "feschen Boris" sehen, dann sollen sie in ihm das "schöne" Serbien von morgen erkennen.

So erzählen entzückt junge Menschen in Serbien, die einen Präsidenten nach ihrem Geschmack bekommen haben: Boris Tadic (46), einen Mann, mit dem sie sich identifizieren, den sie duzen, den sie in Belgrader Cafés ohne Leibwächter treffen können. Der gut aussehende "Frauenliebling" und Vater von zwei Töchtern wirkt natürlich, keine Spur von Einbildung oder Arroganz ist zu erkennen. Die proeuropäischen Kräfte haben mit Tadic' Sieg bei den Präsidentschaftswahlen am Sonntag einen neuen charismatischen Leader und die EU hat einen Partner an der Spitze Serbiens bekommen. Regionale und europäische Integration sind Tadic' außenpolitisches Leitmotiv.

Noch vor einem halben Jahr konnte niemand den Blitzaufstieg des ewigen Ersatzspielers der Demokratischen Partei (DS) zum Parteivorsitzenden und Präsidenten Serbiens voraussehen. Der Diplompsychologe zeigte keinen Ehrgeiz, in der ersten politischen Liga mitzuspielen. Seit der Gründung 1990 war er Mitglied der DS, wirkte aber stets aus dem Hintergrund und stand, wie alle anderen, im Schatten des Premiers und unantastbaren Parteichefs Zoran Djindjic.

Mit der Ermordung von Djindjic im Vorjahr war der treibende Motor der Reformen in Serbien ausgeschaltet. Die Regierung verlor die Parlamentsmehrheit, die national- konservative Demokratische Partei Serbiens (DSS) ergriff die Macht. Die von Korruptionsaffären erschütterte DS war am Boden angelangt. Und dann tat Tadic etwas völlig Unkonventionelles: Er gab Betrügereien einzelner DS-Funktionäre zu. Schon die Art, wie Tadic zum Vorsitzenden der DS gewählt worden ist, war für Serbien ein Musterbeispiel der Demokratie.

Djindjic hasste oder liebte man. Tadic kann niemand hassen. Wegen seiner Arroganz war Djindji´c in weiten Bevölkerungskreisen unbeliebt, Tadic gewinnt mit seinem breiten Lächeln die Sympathie der Massen. Djindjic scheute keine Konfrontation mit seinen politischen Gegnern und war in der Wahl der Mittel nicht zimperlich. Tadic hält sich an die Regeln, setzt auf eine Politik der Versöhnung und versucht das proeuropäische Lager zu einen.

Ohne Djindjic, seinen Ehrgeiz, seine Intelligenz und seinen politischen Instinkt, erwiesen sich dessen Nachahmer in der DS als unfähig, den Kurs des ermordeten Premiers fortzusetzen. Tadic jedoch wird eines Tages singen können: "I did it my way." Ob erfolgreich, wird sich zeigen. (Andrej Ivanji/DER STANDARD, Printausgabe, 30.6.2004)