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Freundschaftsdienst einer Bündnisfreien: Finnlands Präsidentin Tarja Halonen adjustiert US-Präsident George W. Bush vor dem Gruppenfoto in Istanbul die Garderobe.

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Jacques Chirac (re.) und George W. Bush auf dem Istanbuler Nato-Gipfel: offener Schlagabtausch in der Frage eines EU-Beitritts der Türkei.

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Istanbul - Der britische Premier Tony Blair war einer der Wenigen, die nichts schönreden wollten: "Es hat keinen Sinn, sich hinzustellen und zu sagen, die alten Differenzen seien überwunden. Sie sind es nicht." Das war am Dienstag seine Bilanz eines Nato-Gipfels, der nur auf der Grundlage minimaler Kompromisse als Nachweis von Geschlossenheit verkauft werden konnte.

US-Präsident George W. Bush hat zwar sein Drängen auf einen Nato-Einsatz im Irak aufgegeben und geht auf seine Kritiker zu. Herausgekommen ist in Istanbul aber nur ein vager Beschluss, wonach die Nato bei der Ausbildung irakischer Soldaten helfen werde. Kaum war diese Entscheidung gefallen, da gab es schon unterschiedliche Auslegungen. Haben die einen bereits ein kleines Nato-Büro in Bagdad vor Augen, schließt Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac gerade das aus: "Ich lehne jegliche Ansiedlung der Nato im Irak kategorisch ab", wiederholte er mehrfach.

Chirac hat erneut die führende Rolle übernommen, wenn es darum geht, Bush höflich, aber unmissverständlich zu widersprechen. Selbst beim Thema Afghanistan, wo die Nato ihre Truppen verstärken will - als Gast des Gipfels drängte der afghanische Präsident Hamid Karzai dabei am Dienstag die Allianz zur Eile -, gab es keine Einigkeit. Der US-freundliche Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer wollte die vom Oberbefehlshaber, dem US-General James Jones, stark geförderte neue Elitetruppe der Nato ins Feld führen.

Die sei dafür aber nicht gedacht, dozierte Chirac. Und außerdem sei eine zu sichtbare Präsenz der Nato in dem Land am Hindukusch gerade vor den Wahlen im September vielleicht gar nicht klug. Das ist die gleiche Argumentation wie im Fall Irak.

Schlagabtausch

Offen traten die Differenzen zwischen Chirac und dem US-Präsidenten auch in der Frage eines EU-Beitritts der Türkei zutage. Trotz heftiger Kritik Chiracs an seiner diesbezüglichen Forderung hielt Bush am Dienstag in einer Rede an der Universität von Istanbul daran fest: "Die Türkei in die EU einzubeziehen, würde beweisen, dass Europa kein exklusiver Klub einer einzigen Religion ist. Amerika denkt, dass die Türkei als europäische Macht in die Europäische Union gehört." Chirac hatte Bush am Montag wegen dessen Eintretens für einen türkischen EU-Beitritt scharf kritisiert: Bush sei damit nicht nur zu weit gegangen, sondern habe sich in einen Bereich eingemischt, der ihn nichts angehe. (dpa, Reuters, red/DER STANDARD, Printausgabe, 30.6.2004)