Hohenems wird seinem Beinamen "Nibelungenstadt" gerecht. Im Rathaus wird intrigiert wie am sagenhaften Hof zu Worms. Bürgermeister Christian Niederstetter (VP) kämpft mit Wortkeulen gegen seinen designierten Nachfolger und Vize Kurt Raos.

***

Christian Niederstetter (VP), der 1997 als Quereinsteiger antrat, um die zerstrittene Ortspartei zu einen, wollte eigentlich Ende Juni aus gesundheitlichen Gründen zurücktreten. Die Ortspartei nominierte Vizebürgermeister Kurt Raos als Nachfolger. Zwei Tage vor dem geplanten Rücktritt zog Niederstetter völlig überraschend in der Sitzung der Stadtvertretung die Bremse, er will nun bis 8. September bleiben. Seine Begründung: Raos habe Alkoholprobleme und sei deshalb kein würdiger Volksvertreter. Das freut die sechs Fraktionen starke Opposition und empört die Partei. Landeshauptmann und VP-Chef Herbert Sausgruber: "Diese Art der Auseinandersetzung ist völlig indiskutabel."

Kurt Raos, der laut Bürgermeister und anderen Teilnehmern bei der Sitzung betrunken gewesen sein soll, revanchierte sich in der folgenden nicht öffentlichen Sitzung mit Verbalinjurien. Ob er trotz der Bloßstellung Bürgermeister werden will, ist für ihn ungewiss: "Ich will die Sitzung der Stadtparteileitung am Donnerstag abwarten, will wissen, wie das Klima ist. Dann entscheide ich." Die Vorwürfe entbehrten jeder Grundlage. "Ich trinke in geselliger Runde ein Bier oder zwei, wie fast jeder Vorarlberger." Dass er in der Öffentlichkeit betrunken auftrete, "stimmt nicht".

Vertrauensbruch

Niederstetter begründet seine Attacke mit Vertrauensbruch. Raos habe ihn über eine Zeitung des Spesenmissbrauchs denunziert, außerdem habe er auf seinen Rücktritt gedrängt. Der beleidigte Bürgermeister wünscht sich nun einen "würdigen" Nachfolger "mit starken Nerven und korrekten Umgangsformen". Wer das sein wird, entscheidet die Stadtparteileitung am Donnerstag.

Für VP-Geschäftsführer Markus Wallner hat Niederstetter mit seinen Vorwürfen gegen Raos "maßlos über das Ziel geschossen". So springe man mit seinem Vize nicht um, sagt der Funktionär. Sollte Raos tatsächlich ein Alkoholproblem haben, sei ihm mit "einer öffentlichen Beschmutzung" sicher nicht geholfen.

Ähnlich argumentiert auch Drogenkoordinator Reinhard Haller: "Wenn man ernst nimmt, dass Sucht und Missbrauch eine Krankheit sind, darf man das nicht in der Öffentlichkeit abhandeln. Hier wird die Krankheit als Waffe verwendet." Mit der Diffamierung erweise man weder den Süchtigen noch der Suchttherapie einen Gefallen, kritisiert der Psychiater. Freilich zählten Politiker, wie auch andere Führungspersonen, zu den stark gefährdeten Bevölkerungsgruppen, weiß der Suchtexperte. Als wesentlichste Risikofaktoren nennt Haller die starke Belastung durch Frustration, Enttäuschung, Zeitmangel, aber auch die Unzahl an Gelegenheiten und den "enormen Trinkdruck". Haller: "Ein Politiker, der mittrinkt, gilt als volksnah." Die Vorarlberger Volkspartei sieht keine Notwendigkeit, das Tabuthema Politik und Alkohol näher zu beleuchten. Herbert Sausgruber: "Man soll das Thema nicht hochspielen."

Starke Tendenzen zur Verniedlichung der Alkoholproblematik in der Gesellschaft wie auch seitens der internationalen Politik ortete bei einer internationalen Tagung Dienstag in Wien Cees Goos vom WHO-Regionalbüro. In Österreich leben ca. 23 Prozent abstinent, fünf Prozent gelten als Alkoholiker. (jub/DER STANDARD; Printausgabe, 30.6.2004)