Bild nicht mehr verfügbar.

Bayonne

Foto: Archiv

Schön, daß es das noch gibt: vom Massentourismus verschonte Strände, intakte Natur, unberührtes Hinterland, Menschen, die einfach nur freundlich sind. Das französische Baskenland hat sich viele sympathische Eigenarten erhalten.

Für den mitteleuropäischen Gast bedeutet es schon ein wenig Überwindung, die umständliche Anreise via Paris in Kauf zu nehmen, und so kommen hauptsächlich französische Binnentouristen hierher, die auf der Suche nach der Fremde im eigenen Land fündig werden.

Heimisch fühlt man sich hier jedenfalls auf Anhieb angesichts der üppigen, sattgrünen Vegetation. Ein Umstand, der die Region mit den auf der spanischen Seite der Pyrenäen gelegenen baskischen Provinzen verbindet – ohne daß die Landschaft auch nur annähernd so von der Industrie gezeichnet worden wäre.

Allerliebst ist etwa das Fischerstädtchen St-Jean-de-Luz, der ideale Ausgangspunkt für eine Tour in dieser südwestlichsten Ecke Frankreichs. Die baskischste Stadt nördlich der Pyrenäen schrieb im 17.Jh. einige Tage Weltgeschichte: Ludwig XIV. erwartete hier 1660 seine künftige Gemahlin, die spanische Infantin Maria Theresia – eine Heirat, die weniger im Himmel als in diplomatischem Interesse geschlossen wurde: Die Vermählung hatten beide Mächte nämlich schon im Pyrenäenfrieden vereinbart.

Ansonsten ist man stolz auf den einzigen bedeutenden Sohn der Stadt, Maurice Ravel, dessen Geburtshaus Touristen heute als Maison Ravel vorgestellt wird. Die Fischerei floriert längst nicht mehr so wie in den alten Tagen, um die unergiebigen Fanggründe gibt es ständig Konflikte mit der spanischen Konkurrenz.

Sportlichen Frühaufstehern sei übrigens ein Strandlauf bei Sonnenaufgang ans Herz gelegt: An den hufeisenförmigen Buchten lösen einander prächtige Flach- und Steilküsten rhythmisch ab, und der Himmel spielt alle Farben.

Wenige Kilometer nördlich von St-Jean-de-Luz liegt Biarritz. Das berühmte Seebad zehrt, ähnlich wie Karlsbad, noch immer von seiner Geschichte. Mondäne Bauten erinnern an die Glanzzeiten im 19.Jh., als sich hier die Pariser Hautevolee ihr sommerliches Stelldichein gab. Respektlos bezeichneten die Einheimischen damals den Ort des Spektakels als „Strand der Verrückten“.

Heute sind hier andere Verrückte am Werk: die Surfer. Nicht jene mit dem Segel, sondern Puristen, die die Welle reiten. In internationalen Surferkreisen gilt die Plage de la Cˆote des Basques als einer der besten Strände überhaupt. Zum Abschluß eines obligatorischen Bummels an der Uferpromenade sollte man übrigens einen Besuch im hochmodernen, fast vollständig umgebauten Meeresmuseum einplanen.

Die Trockenlegung der sumpfigen Küstenregion konnte erst unter Napo- léon III., 1857, durch gesetzliche Verfügung in Angriff genommen werden. Böse Zungen behaupten, er hätte diesem Projekt nur zugestimmt, um die Anreise nach Biarritz für sich und die Kaiserin Eugénie sicherer und bequemer zu gestalten. Eugénie genießt hier übrigens bis heute ähnliche Verehrung wie Kaiser Franz Josephs Gattin in Ungarn: Sissimania im Baskenland, gewissermaßen – liebevoll sprechen die Menschen vom „Strand der Königin – Königin der Strände“.

Klimatisch gesehen ist es im Baskenland nicht so heiß wie am Mittelmeer: Der Atlantik sorgt auch sommers für angenehme Temperaturen.

Die Basken selbst stellen für Frankreich kein politisches Problem dar. Das kleine Volk hält eifrig an den alten Bräuchen fest: den temperamentvollen Volkstänzen (hier meist Männersache), dem „Volkssport“ Pelota (es gibt mehrere Versionen), der (eher im Landesinneren) unvermeidlichen Baskenmütze und den roten, weißen und grünen Trachten.

Pelota erinnert entfernt an Squash. Besonders beliebt ist hier die Spielart mit der „Chistera“, einem an der Hand festgebundenen Fangschläger. Zwei Mannschaften zu jeweils drei Spielern werfen den faustgroßen Ball gegen die Mauer (Fronton – gibt’s in jedem Dorf). Er muß vom Gegner aufgefangen und zurückgespielt werden. Das ist nicht ungefährlich: Die Bälle erreichen irre Geschwindigkeiten.

Weiter nördlich, in der Dordogne, macht man mit Gänseleber viel Geschäft. Die Basken im Süden stopfen lieber die Hälse ihrer Enten, verkaufen die aus dieser Quälerei gewonnenen Luxusprodukte aber ebenfalls unter der Bezeichnung foie gras (Gänseleber). Trüffeln, der hervorragende Schinken und – etwas gewöhnungsbedürftige – Jahrgangsweine runden das kulinarischen Angebot ab.

Die sauberen Dorfhäuser haben häufig rote Dächer und weiße Mauern mit sich kreuzenden Balken. Das Fachwerk ist grün oder rot und erhielt diesfalls seine Farbe früher vom Ochsenblut.

Nur wenig landeinwärts von Biarritz liegt Bayonne. Die schmucke, geschäftige Kommune, heute am Zusammenfluß von Nive und Adour gelegen, war durch den Seehandel schon immer die wirtschaftlich bedeutendste baskische Stadt nördlich der Pyrenäen. Gebaut in der Spätantike als Festung gegen die Goten, sicherte sie den freien Warenaustausch mit Spanien.

1451, im selben Jahr wie Bordeaux, fiel Bayonne an Frankreich. Die Bevölkerung, drei Jahrhunderte unter englischer Herrschaft (das Herzogtum Gascogne war bis 1453 Teil des angevinischen Königreichs) an viele Privilegien gewöhnt, verhielt sich überaus renitent. Die Fortifikationen des Chˆateau-Vieux und des Chˆateau-Neuf – letzteres nach Übergabe der Stadt vom französischen Gouverneur erbaut – sind deshalb nicht nur nach außen, sondern auch stadteinwärts gerichtet.

Die riesige Zitadelle über dem Vorort St-Esprit stammt von Vauban, dem Festungsbaumeister Ludwigs XIV. Berühmt waren auch die Waffenschmiede aus Bayonne, deren bedeutendste Erfindung, das Bajonett, die Fernkampfwaffe Gewehr zum Nahkampfinstrument machte. Seit 1703 zählte die Innovation zur Standardausrüstung der französischen Infanterie.

Bayonne bewies schon früh städtebaulichen Weitblick. Als um die Jahrhundertwende eine Erweiterung diskutiert wurde, war man klug genug, die vollständig erhaltenen römisch-mittelalterlichen Stadtmauern stehen zu lassen, auch der vorgelagerte Grüngürtel blieb unangetastet. Die malerische, teils verkehrsberuhigte Altstadt, die noch immer dem Grundriß der Römerzeit folgt, lädt zum entspannten Shoppen und Flanieren.

Aber auch kulturell wird einiges geboten. Vor allem die Cathédrale Ste-Marie verdient Interesse: Sie ist die erste und älteste Kirche südlich der Loire, die streng nach dem Formenkanon der klassischen französischen Kathedralgotik errichtet wurde. Die riesigen Dimensionen des Gotteshauses erklären sich aus dem Umstand, daß die Stadt auf einer der Routen nach Santiago de Compostela, dem berühmten Jakobsweg, liegt.

Bayonne ist aber auch ein Zentrum der Schokolade-Herstellung. Juden, die aus Spanien und Portugal vertrieben worden waren, brachten das Geheimnis der Neuen Welt hierher. Die Schokolade ist tiefschwarz und macht, so versprechen die Einheimischen, nicht dick. Die Franzosen gehen die Sache, wie alles, was irgendwie mit Gaumenfreuden zu tun hat, höchst ernsthaft an und betreiben mit der Schokolade einen ähnlichen Kult wie mit dem Wein. Berühmt ist in dem Zusammenhang übrigens auch der Pyrenäen-Schinken. Eigentlich aus Salies-de-Béarn kommend, geht er von hier aus in alle Welt und heißt demgemäß Bayonne-Schinken.

In den Bergen des nahen Hinterlands gibt es ebenfalls Interessantes zu entdecken. Schloß Abadia (Informationen über Maison de la France, siehe Kasten) etwa, das eben erst öffentlich zugänglich gemacht wurde. Viollet-le-Duc, einer der Protagonisten des französischen Eklektizismus, zeichnet für die Gestaltung verantwortlich. Außen Neugotik pur, erklärt sich die Innenarchitektonik – afrikanische Exotik – aus dem Vorleben des exzentrischen Erstbesitzers. Der weitgereiste, polyglotte Herr, ein Freund Napoléons III., hat hier die Erinnerungsstücke an seinen Aufenthalt in Äthiopien zusammengetragen. (Der Standard, Printausgabe)