Manchmal scheint es mir, dass mein Vater Recht hatte. Österreich ist kein Land für jüdische Zuwanderer. Als er 1971 mit meiner Mutter und mit mir, einem Fünfjährigen, die Sowjetunion verließ, um dem Antisemitismus zu entfliehen, wußte er noch nicht, dass unsere Emigration zehn Jahre dauern und dass er schließlich ausgerechnet in jenem Land sterben würde, das er sich am wenigsten als neue Heimat gewünscht hatte. In Österreich. Seine Versuche, weiter zu emigrieren, scheiterten an rechtlichen oder finanziellen Hindernissen. Alle Wege erwiesen sich wie die Flugbahn eines Bumerangs. Sie führten zum Ausgangspunkt zurück. Nach Wien.

Die Fixpunkte meines Lebens hatten lange Zeit mit dem Wien, das ich als Emigrant in ärmlichen Quartieren der Leopoldstadt und der Brigittenau sozusagen "von unten" kennen gelernt hatte, nur mehr wenig zu tun. Fast vergessen waren jene netten Mitmenschen, die mich als Kind in nicht gerade schmeichelhaften Worten zurückschicken wollten, wo ich hergekommen war, die das Kriegsende und das Ende der nationalsozialistischen Herrschaft immer noch als "Zusammenbruch" bezeichneten und beteuerten, nur "das mit den Juden" sein ein Fehler gewesen (oder auch nicht), während alles andere - na ja, darüber könne man geteilter Meinung sein . . .

Seit einigen Jahren jedoch habe ich ein Déj`a-vu-Erlebnis nach dem anderen. Haider, Prinzhorn, Westenthaler, Scheibner, Partik-Pablé und all die anderen Damen und Herren von der FPÖ, die man via Fernsehen oder bei Veranstaltungen bewundern kann, haben eine so frappierende Ähnlichkeit mit meinen Nachbarn aus dem Zinshaus, in dem ich aufgewachsen bin, mit dem Hausmeister, mit den älteren Herrschaften im Park oder in der Straßenbahn, mit meiner Tante im Hort oder dem pensionierten Lehrer von nebenan, dass ich manchmal denke, jene Gestalten aus meiner Kindheit seien verjüngt und mit bislang im Verborgenen schlummernden rhetorischen Fähigkeiten versehen, ihren Gräbern entstiegen, um endlich dorthin zu gelangen, wohin sie und ihre Stammtischrunden schon immer wollten - an die Schalthebeln der Macht. Jetzt haben sie es geschafft, meine alten Bekannten, die wiederauferstandenen Begleiter meiner Kindheit sind zu Ministern, Staatssekretären oder Beratern im "Hintergrund" geworden.

Verpflichtung . . .

"Du, mit deinen Erfahrungen und deinem Hintergrund müsstest jetzt eigentlich auswandern", erklärte mir vor einigen Tagen eine gute Freundin. "Wie hältst du das Ganze nur aus?" Doch so leicht möchte ich mich nicht geschlagen geben. Wenn ich als Kind oder Jugendlicher alte Menschen sah, fragte ich mich oft, ob sie in der NS-Zeit, Täter, Mitläufer oder Gegner des Regimes gewesen sind und was sie wohl mit mir gemacht hätten, wäre ich ein Vierteljahrhundert früher auf die Welt gekommen. Konnte ich in einem Land heimisch werden, wo ich mir solche Fragen stellen musste? Schließlich bin ich hier aber heimisch geworden. Kultur und Mentalität dieses Landes wurden Teil meines Wesens. Ich habe die Sprache erlernt. Heute bin ich Schriftsteller.

Letztes Jahr wurde mir der Förderungspreis für Literatur 1999 zuerkannt und (schon im Dezember) ein Termin für die Preisverleihung fixiert: der 24. Februar 2000. Somit bin ausgerechnet ich einer der ersten, die nach dem Regierungswechsel von dieser Republik geehrt werden sollen.

. . . zum Widerstand

Ich habe von Künstlern gehört, die Österreich in Zukunft meiden oder mit diesem Staat nichts zu tun haben wollen. Sicherlich hätten sie einen solchen Festakt abgesagt. Ich habe es nicht getan, weil ich meinen Protest nicht durch einen Akt des Rückzugs ausdrücken möchte. In einem schmerzvollen Prozess habe ich gelernt, meine Stimme zu erheben und mir einzugestehen, dass dies mein Recht ist und nicht die freche Anmaßung eines Fremden, den man gnädiger Weise ins Land gelassen hat.

Deshalb möchte ich den festlichen Rahmen nützen, um meiner Meinung umso deutlicher Ausdruck zu verleihen: "Eine Partei wie die FPÖ, deren führende Mitglieder ganze Personengruppen, seien es Minderheiten, Ausländer oder sozial Schwache, verunglimpfen und den Rest der Bevölkerung gegen diese Gruppen aufhetzen, deren Parteiobmann Massenmörder in Schutz genommen hat und der Politik eines Terrorregimes positive Seiten abgewinnen konnte, hat in der Regierung eines demokratischen Staates nichts verloren.

Der Förderungspreis für Literatur ist eine Ehrung, doch sehe ich ihn auch als Verpflichtung, gegen jene Geisteshaltung aufzutreten, für die diese Regierungspartei steht. Nur so kann ich mich dieses Preises würdig erweisen. Jedenfalls hoffe ich, in nächster Zeit noch Gelegenheit zu haben, durch meine Arbeit nicht nur Gleichgesinnte, sondern vielleicht auch jene zu erreichen, deren Gehirne durch Hassprediger und Demagogen vernebelt worden sind."

Vladimir Vertlib, geb. 1966 in Leningrad, lebt seit 1993 als Schriftsteller, Sozialforscher und Übersetzer in Salzburg und Wien; zuletzt erschien von ihm bei Deuticke der Roman "Zwischenstationen" ('99).