Bild nicht mehr verfügbar.

Je wärmer es wird, desto weniger pflanzen sich Papageientaucher fort

Foto: APA/EPA
Shetland/Orkney - Britische Wissenschafter schlagen Alarm: Die Klimaerwärmung bringe Seevögel in noch nie da gewesenem Ausmaß zur Strecke. Hunderttausende nordschottische Seevögel hätten heuer nicht gebrütet, berichten die Ornitologen der Royal Society for the Protection of Birds. Besonders drastisch sei die Situation auf den Shetland- und Orkney-Inseln.

Peter Ellis, der Leiter der Royal Society in Shetland, fühlt sich an den apokalyptischen Klimafilm "The Day After Tomorrow" erinnert. Im STANDARD-Gespräch macht er die Erwärmung der Meere für das Schrumpfen der Vögelpopulation verantwortlich. "Die Larven der Sandaale - ein kleiner Fisch, der ein Grundnahrungsmittel für größere Fische und Vögel in marinen Gebieten darstellt - überleben nicht, wenn das Wasser zu warm ist." Das Resultat: Die Vögel verhungern, legen keine Eier, "oder sie paaren sich nicht, weil sie zu sehr mit der Suche nach Nahrung beschäftigt sind", erklärt Ellis. Die Temperatur in der Nordsee ist in den letzten 20 Jahren um etwa zwei Grad gestiegen, was die Zusammensetzung des Planktons verändert hat. Tiere in der Nahrungskette - Sandaal, Kabeljau, Vögel - seien nun eben betroffen, sagt Ellis.

Minus 40 Prozent

Der Umweltforscher Martin Heubeck von der Universität Aberdeen bezeichnet die Situation als "noch nie da gewesen in Europa". Im Jahr 2000 waren noch 172.000 brütende Gryllteisten - ein robuster, schwarz-weißer Vogel - registriert worden. Doch diesen Sommer seien kaum Junge geschlüpft. Insgesamt sei die Zahl der Gryllteisten sowie die Zahl der Papageientaucher um sieben bis zehn Prozent, weniger widerstandsfähige Arten um 40 Prozent geschrumpft.

Für Wolfgang Sailer vom Institut für Atmosphärische Umweltforschung des Klimaforschungszentrums in Karlsruhe entsprechen die Zahlen den Erwartungen: "Solche Entwicklungen sind genau das, was wir befürchten", sagt er. Auch in Europa seien solche Veränderungen zu beobachten - doch erfolgen sie schleichender: So flögen immer mehr Zugvögel im Winter nicht mehr in den Süden, weil sie es in Mitteleuropa warm genug hätten. Sie "sichern sich so auch die besten Brutplätze und die beste Nahrung." Allein: Für "zugereiste" Vögel bleibe wenig übrig.

Die Veränderungen haben Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem - vom Wasserabfluss der Gletscher, der in der Antarktis die Erdplatten entlastet und damit Erdbeben begünstigt, bis zu den Mikroorganismen in den Alpen, an deren Südrand mittlerweile schon Palmen wachsen. Sailer: "Das Ökosystem kommt mit der Klimaerwärmung nicht mit. Sie ist eine Sache der letzten 20 bis 30 Jahre. Für einen alpinen Baum, der 20 bis 30 Jahre braucht, um Früchte zu tragen, ist diese Zeit aber ein Wimpernschlag." (Eva Stanzl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. 8. 2004)