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Foto: Archiv
Unterwegs auf dem „Sentiero Italia“, dem längsten Wanderweg der Welt. „Travnicek, was sagt Ihnen Kalabrien? – Offen gesagt nichts. Die Kalabresen, ein wildes Bergvolk, die Mafia, eine matte Sache. Rimini, das nenne ich Qualität,“ frotzelt ein Reiseteilnehmer frei nach Helmut Qualtinger. Weil aber noch keiner aus der Gruppe in Kalabrien war, lassen wir uns überraschen.

Unser Ziel für die erste Nacht ist nicht etwa eine Berghütte, sondern eine bourbonische Festung aus dem 18. Jh., das „Grand Hotel Il Castello“ in Villa San Giovanni. Es liegt an der engsten Stelle der Straße von Messina, mit bloßem Auge kann man nach Sizilien hinüberschauen.

Kalabrien ist die südlichste Spitze des italienischen Festlands. Zwei Meere, das Ionische und das Tyrrhenische, umspülen die Küste, 90 Prozent des Landes bestehen aus Gebirge. Und was für einem. Mit Gipfeln über 2000 m und steil abstürzenden Schluchten. Grund genug für die Associazione Sentiero Italia und den Club Alpino Italiano (CAI), die von Ziegen und Hirten getrampelten Wege auszubauen und für Wanderer begehbar zu machen.

Skeptisch wie aber die Ka_labresen sind, hat man die rot-weißen Markierungen für Geheimzeichen der Mafia gehalten. Was freilich leicht erklärbar ist, denn im sogenannten Bermuda-Dreieck, im Aspromonte zwischen Natile, Locri und Plati, soll die N’Dran_gheta, die Mafia also, ihr Diebs- oder Händlergut erfolgreich deponieren.

Von Samo aus nehmen wir den alten Kreuzweg hinauf zu einer verlassenen griechischen Siedlung, nach Samo Antiqua. Nach etwa einer halben Stunde sind wir weg von der Zivilisation. Plötzlich breitet sich ein orangefarbener Teppich aus Ringelblumen aus, und der Duft wilder Kräuter steigt in die Nase: ein prachtvoller Wandertag für alle Sinne. Auch mit der Macchia, einem für den Mittelmeerraum charakteristischen immergrünen Buschwald, machen wir Bekanntschaft.

Wir wandern aber nicht nur auf den Pfaden des Sentiero Italia, sondern fahren zum Beispiel auch nach Gerace, um die größte Kathedrale Ka_labriens, einen äußerst bemerkenswerten Normannendom, kennenzulernen. Am Ende des siebenstündigen Marsches hoch über der tiefeingeschnittenen Raganello-Schlucht steigen wir hinunter zum gleichnamigen Fluß, der lautstark und durch die „Teufelsbrücke“ etwas eingeengt seinen Endspurt hinlegt, um später als „Fiumara“ ins Ionische Meer zu münden.

Noch einmal müssen wir kurz aufsteigen zum schmucken Albaner-Dorf Civita, wo noch heute das skipetarische Brauchtum gepflegt wird und die Einheimischen in einer intakten Gemeinschaft als hochangesehene Minderheit leben.

Unser Quartier schlagen wir dann im Norden Kalabriens, in Altomonte, auf. Wie eine Festung steht die ehemalige römische Siedlung auf drei Hügeln – unüberwindbar, fast abweisend, wovon wir uns natürlich nicht irritieren lassen. Rasch kommen wir auf dem Dorfplatz mit den Einheimischen ins Gespräch und wie zufällig gesellt sich auch Enzo Barbiere, Hotelier und ungekrönter König, zu uns. Er kümmert sich nicht nur um seine Geschäfte, sondern fördert auch touristische Objekte wie den Bau des Amphitheaters oder die künstlerischen Wettbewerbe von Jugendlichen aus aller Welt.

Noch weiter nach Norden geht es, in den Pollino-Nationalpark. Dort finden wir die höchsten Gipfel Kalabriens: den 2246 m hohen Pollino und den 2267m hohen Dolcedorme. Knorrige Exemplare alter Buchen, Schwarzkiefern und die seltenen Panzerföhren prägen die Landschaft.

Zum Schluß fahren wir schließlich hinaus in die Ebene, um noch am Tyrrhenischen Meer entlang der Riviera del Cedro Orte wie Diamante zu besuchen. Moderne Wandmalereien schmücken die Hausmauern der Altstadt, die sich auf _einem kleinen Küstenvorsprung ausbreitet. Einheimische wie Touristen, die durch die engen Gassen und über die Treppenwege schlendern, genießen die Freilichtgalerie.

Wir schnüren am letzten Tag die Bergschuhe am Rucksack fest und laufen barfuß im schwarzen Sand die wildromantische Küste entlang.

Unser Travnicek wird jetzt jedenfalls seine Ansichten über Kalabrien ändern müssen: Das Bergvolk ist nicht wild, sondern sehr gastfreundlich und Kalabrien eine herbe, aber wunderschöne Kultur- und Wanderlandschaft, die außerdem wirklich Qualitäten hat. (Der Standard, Printausgabe)