Die britische Band Keane gibt im Rahmen des FM4- Frequency- Festivals am Salzburgring ihre Österreich- Premiere. In einem wenig originell zusammengestellten Programm könnte das schon so etwas wie einen Höhepunkt bedeuten.

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Das am Wochenende am Salzburgring stattfindende Musikfestival FM4-Frequency beschreitet mit seinem Programm den Weg vieler derartiger Großveranstaltungen. Ihr Kennzeichen: Quantität statt Qualität.


Salzburg - Vergangenes Jahr war die Aufregung groß. Einmal vor dem Festival, ein zweites Mal danach. Grund für das vorauseilende Schäumen war der gebuchte Headliner des Musikfestivals, das aufgrund seiner Affinität zum Programm des Radiosenders FM4 mit selbigen kooperiert und sich deshalb FM4-Frequency-Festival nennt.

Metallica hieß dieser und schien die reklamierte Affinität so gar nicht zu gewährleisten. Teile des FM4-Publikums fürchteten mindestens Unruhe am Gelände des Salzburgrings, weil sie sich offenbar nicht vorstellen konnten, dass die Fans der Heavymetal-Superstars aus den USA mit der schwammig unter "Alternative Music" beheimateten Klientel des Senders sozial kompatibel sein könnten.

Verrat an der "Sache" wurde gewittert und den Veranstaltern Ausverkauf vorgeworfen, weil wegen den erst spät verpflichteten Metallica Tausende Karten mehr verkauft werden konnten. Die heurigen Headliner heißen Die Ärzte und Die Fantastischen Vier und gelten mindestens ebenso als Mainstream wie Metallica. Allein - heuer schweigen die "Ausverkauf"-Rufer.

Die zweite und etwas realistischer anmutende Aufregung entlud sich nach dem zweitägigen Event, das rund 80.000 Besucher anlockte: Etliche organisatorische Mängel - von zu wenigen Toiletten bis zu überfüllten Konzertzelten - wurden den Veranstaltern und Programmverantwortlichen, der Wiener Firma Musicnet, angekreidet. Auch FM4 musste sich als Kooperationspartner den Vorwurf gefallen lassen, eine von vielen als mangelhaft empfundene Veranstaltung medial dermaßen unterstützt zu haben.

Betrachtet man das heurige Programm, wünscht man den Verantwortlichen fast eine ähnliche Diskussion. Könnte diese doch davon ablenken, dass sich unter den rund 40 antretenden Bands kein einziger Exklusiv-Act befindet, sondern alle aus den üblichen Verdächtigen bestehen, die während des Sommers den Kontinent als Festivalzirkus bereisen.

Mit dieser Kritik ist aber nicht nur das FM4-Frequency konfrontiert. Viele andere Festivals machen das genau so. Warum es aber nicht möglich sein sollte, auf ein paar Allerwelt-Acts zu verzichten, und stattdessen zwei wirkliche musikalische Höhepunkte zu verpflichten, bleibt als Frage unbeantwortet. An fehlenden Künstlern kann es jedenfalls nicht liegen.

Hoffnungen und Ängste

Also muss man angesichts inflationär auftretender Bands wie etwa der New Yorker Combo Liars (in den vergangenen Monaten allein in Wien zweimal zu sehen!) jene als "Höhepunkte" akzeptieren, die hierzulande wenigstens das erste Mal zu sehen sind. Keane sind so ein Beispiel. Die jungen Briten gelten als jüngste Vertreter jener "neuen" Sensibilität im Britpop, die mit Formationen wie Starsailor, Travis oder Coldplay vor einigen Jahren Einzug in ein von Großmäulern wie Oasis oder Blur gebrandmarktes Genre hielt.

Wie genannte Verwandtschaft bauen Keane auf ihrem Debütalbum Hopes And Fears auf eingängige Melodien mit melancholischer Breitseite, die halb akustisch und oftmals mit prägendem Pianospiel umgesetzt werden. Dazu klagt Sänger Tom Chaplin seine adoleszenten Verunsicherungen in die Welt - verpackt in oft gar naive Lyrik.

Ebenfalls ihre Österreichpremiere bestreiten die Kings Of Leon. Das US-Quartett kreuzt auf seinem im Vorjahr erschienen Album Youth & Young Manhood Südstaaten-mit Garagenrock, was ihm öfter den Vergleich eingetragen hat, eine Art ländliche Ausgabe der New Yorker - ähm - "Retro-Trendsetter" The Strokes zu sein. Im Gegensatz zu den Strokes eilt den Kings jedoch der Ruf voraus, live alles andere als wie am Boden fest geschraubt zu wirken.

Ähnliches lässt sich für Mondo Generator prognostizieren. Das momentane Bandoutfit von Nick Oliveri, seines Zeichens ausgeflippter früherer Bassmann bei den Stoner-Rockern Kyuss und später den Queens Of The Stone Age, beschwört damit einen heftig Richtung Saubartl orientierten Heavyrock. Ebenfalls noch nicht zu sehen waren die jungen schwedischen Garagenrocker Mando Diao sowie die Briten von Snow Patrol, die mit ihrem heuer erschienen Industriedebüt Final Straw leider ihr bislang schwächstes Werk vorgelegt haben. Doch wie bei solch einer Programmdichte üblich, werden die wenig wirklich interessanten Auftritte meist schon am Nachmittag verheizt. FM4-Frequency ist leider auch hier keine positive Ausnahme.

Die Quotenbringer

Die eigentlich stimmungsvollen Konzertstunden am Abend bleiben den Quotenbringern vorbehalten. Man kennt das aus dem Fernsehen. Das Diktat, kommerziell erfolgreich zu veranstalten, verhindert einmal mehr die adäquate Präsentation der raren Qualität. Diese verkommt so zum Feigenblatt, hinter dem das scheinbar Integrität versprechende Fähnchen mit der Aufschrift "Alternative" hochgehalten wird. Für den denkenden Menschen eigentlich ein Hohn. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 8. 2004)