Wenn ein Chinese Coca Cola sagt, klingt das zwar auch fast wie Coca Cola, aber vor allem lustig. Das liegt daran, dass der Chinese eben nicht Coca Cola sagt, sondern - in unsere Schreibe gebracht - Ke Kou Ke Le. Nicht zufällig. Die entsprechenden Zeichen haben eine Bedeutung, sinngemäß: schmeckt gut, macht Freude. So etwas ist natürlich ein Glücksfall - und geht bei uns nicht. Wenn in unseren Breiten kommissionell neu eingedeutscht werden muss (weil sich die Welt auch nach Goethe weiter dreht), kommen Worte heraus wie: Compactdisk, Tunfisch, Frigidär und Fairness, und alle regen sich dann über den Tun ohne h auf und das är statt des aire und das doppelte ss.

Nein, nicht alle, die alten Männer vor allem. Die alten Männer von den dicken Zeitungen, die in Wirklichkeit nicht mehr umlernen wollen und dann einen auf Dichterfürst machen - und - möge das einer verstehen! - ausgerechnet von Schriftstellern Rückendeckung kriegen. Schluß damit! kampanisiert Cato in der Kronen Zeitung und meint, wie so oft, die Veränderung. "Sind wir Schriftdeutsche, oder was?" fragt Christian Ide Hintze im Standard (10. 8.) und schließt sich dem alten Mann vollinhaltlich an. Dem alten Mann und seiner Mär vom Sprachbankrott. Super.

Und erst die Argumente. Zum Beispiel ewig dieses Geseiere wegen der Gämsen. Wie oft schreiben diese Leute eigentlich über Gämsen, frag ich mich, dass sie sich andauernd darüber aufregen. Soll er das nächste Mal halt über Ziegen was dichten, der Herr Hintze, wenn er Gämsen nicht schreiben mag, oder über Steinböcke, das sind auch lustige Tiere und außerdem ein Sternzeichen, darunter könnten sich dann vielleicht auch die Wiener Hauptschülerinnen etwas vorstellen. Und weil er als Pro-e-Argument noch anführt, dass wir Gemsen mit e schließlich auch so aussprechen: Gähnen sprechen wir (Österreicher) auch mit e aus. Und keiner käme auf die Idee, ich gehne zu schreiben oder ich gene (obwohl das ja schon wieder irgendwie zur Krone passen würde).

Zum Gähnen das alles.

Wenn es nicht die Kinder beträfe. Die Schüler. Die, die das teilweise dämliche Zeug noch lernen müssen.

Glaubt es mir, Eltern, glaubt es dem Deutschlehrer! Das schreiben Lernen ist immer noch ein Hammer, aber es ist nach der neuen Regelung um einen Spur einfacher, eine Spur logischer und daher um eine Spur leichter geworden. Das Problem ist: Das ist den alten Herren und den anderen Dichterfürsten ziemlich egal. Sie können nämlich schon schreiben und wollen nicht mehr umlernen. Dass Schnäuzen etwas mit Schnauze zu tun hat und daher logisch mit ä zu schreiben ist, kann man einem Kind erklären, den Herren Chefredakteuren nicht, die wollen halt weiterhin schneuzen schreiben; dass der Vokal in dass (als Konjunktion nach einem Beistrich) kurz gesprochen wird und deswegen danach ein Doppel-s kommt (wie bei nass, fassen, küssen oder eben Schluss, Herr h.d,.), kann man zwar einem Kind erklären, die alten Männer wollen halt lieber weiterhin daß schreiben, wofür hätten sie sonst seinerzeit daß strafweise hundert Mal mit scharfem ß geschrieben ...

Schrift und Sprache sind eine Übereinkunft. Regeln sollten dabei nicht behindern, sondern helfen, und zwar denen, die die Sprache erst lernen müssen. Nach dem Gehör zu schreiben, ist nämlich, Herr Hintze, überhaupt nicht das Gelbe vom Ei (Ai, sagt der Deutsche, schreibt es aber trotzdem mit e, gell?). Fragt halt uns Lehrerinnen, wir kennen uns damit aus, es ist nämlich unser Job: Die einen lernen das Schreiben nach Gehör, andere nach der Optik, dritte brauchen beides, viele lernen es nie, aber 90 % von ihnen wollen, wo es sie gibt, handfeste Regeln, möglichst einfach und möglichst logisch. Und keine Polemiken über Trippelkonsonanten.

Trotzdem, Herr Hintze, in einer Sache bin ich als Autor und Lehrer voll bei Ihnen: Weg mit dieser Art des Deutschunterrichts! Weg zum Beispiel mit den Bildgeschichten über Männer mit Hut, weg mit den Aufsätzen und ihren leidigen Einleitungen, Hauptteilen und Schlüssen (als hätte in der realen Welt irgendein Geschriebenes noch Einleitung, Hauptteil und Schluss), weg mit den dämlichen Einschränkungen bei Formulierung oder Wortwahl, her mit der E-Mail-, SM- und Dialektkultur! Aber dann dürfte man Schülern in der Pause auch das Handy nicht verbieten oder das Fluchen im eigenen Dialekt, und wenn es einer aus Zentralanatolien ist. Darüber sollte man eine Diskussion führen. Nicht über Gämsen. (DER STANDARD, Printausgabe, 14/15.8.2004)