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Ungarns Sozialisten (MSZP) haben ohne viel eigenes Zutun einen neuen Hoffnungsträger aus dem Hut gezaubert, der ihrer schwächelnden Partei zum Machterhalt verhelfen soll: Ferenc Gyurcsány, 43 Jahre alt und einer der reichsten Männer Ungarns, wurde zum Nachfolger für den zur Mandatshalbzeit zurückgetretenen Ministerpräsidenten Péter Medgyessy nominiert.

Der sportlich-jugendlich aussehende Mann hat es mit Entschlossenheit und taktischem Geschick fertig gebracht, sich mit seinem deutlich ausgeprägten Willen zur Macht sogar gegen die Parteispitze durchzusetzen. Linke Bedenkenträger gegen den roten Kapitalisten an der Regierungsspitze verstummten. ^Gyurcsány selbst erklärte vor der entscheidenden Wahl: "Niemand braucht Angst zu haben, dass jetzt der Gyurcsány kommt und alle hinausschmeißt." Mehr überzeugte die Parteifreunde allerdings, dass der Senkrechtstarter als derjenige gilt, der die besten Chancen hat, bei der Wahl 2006 den als Volkstribunen gefürchteten Fidesz-Chef Viktor Orbán zu besiegen.

Er erschien zuerst 2002 auf der politischen Bildfläche, als engster Wahlkampfberater von Medgyessy, dem er die Idee einer "nationalen Mitte" nach dem Vorbild des Briten Tony Blair zu vermitteln suchte. Doch bald entwickelte sich Gyurcsány zum Brutus, indem er Medgyessy immer wieder kritisierte oder ihm die Show stahl. Vielen war klar, dass der agile Gyurcsány nicht deswegen seine Geschäfte ruhen ließ, um nur Sportminister zu werden, wie 2003 geschehen.

Offenbar systematisch hatte er an der Parteibasis, bei den MSZP-Chefs in den ungarischen Komitaten für sich geworben, sicherlich wohl wissend, dass die MSZP-Spitze ohnehin abgewirtschaftet hat. In diesem November soll eine neue Parteiführung gewählt werden, und Gyurcsány stand auf der Liste für eine Führungsposition. László Kovács, derzeit MSZP-Chef und Veteran aus den Nachwendezeiten, will den Posten aufgeben und sich als EU-Kommissar nach Brüssel verabschieden.

Gyurcsány ist ein typischer ungarischer Provinzaufsteiger und Profiteur der Wende von 1989. Sein Vermögen als Chef der Investmentgesellschaft Altus schuf er, so meinen die ungarischen Medien, durch Beteiligung an der Privatisierung in den früher Neunzigerjahren. Die nötigen Seilschaften konnte er offenbar durch seine langjährige hohe Funktion im kommunistischen Jugendverband KISZ knüpfen.

In der westungarischen Kleinstadt Pápa geboren, studierte er in Pécs Volkswirtschaft. Währenddessen stieg er dort zum KISZ-Sekretär auf und wurde nach der Wende nahtlos Präsident eines neu gegründeten Demokratischen Jugendverbands. Kurz danach stieg er in die freie Wirtschaft ein. Jetzt ist er zum dritten Mal verheiratet und Vater von vier Kindern. (Kathrin Lauer/DER STANDARD, Printausgabe, 27.8.2004)