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Noch verlieren sich nur vereinzelte Putztrupps, beäugt von neugierigen Besuchern, im riesigen Glaspalast Berlaymont. Ab November residiert hier die EU-Kommission.

Foto: AP
"Vorübergehend" ist ein dehnbarer Zeitrahmen. Im Fall des "Berlaymont"-Gebäudes dauerte vorübergehend mehr als 13 Jahre: 13 Jahre, in denen das einstige Vorzeigegebäude der modernen EU zum Asbestbunker abstieg und durch etliche Bauskandale und viele Verzögerungen zum Symbol für EU-Misswirtschaft wurde - worauf die Riesen-Dauerbaustelle mitten im Brüsseler Europaviertel nur noch unter "Berlaymonster" firmierte. Nun erwacht das Monster zu neuem Leben. 1991, nach dem Asbestalarm, war die Kommission überhastet ausgezogen - am 1. November 2004, Jahre später als geplant, wird die neue EU-Kommission das neue Berlaymont bevölkern.

Noch verlieren sich nur vereinzelte Putz- und Technikertrupps im sternförmigen Glaspalast. An den komplizierten Klima- und Übersetzungsanlagen sind letzte Arbeiten fällig, dann können die 241.515 Quadratmeter langsam besiedelt werden. Und die 2700 Kommissionsbeamten ihre einheitlichen Bienenwaben-Büros besiedeln.

Ganz oben über ihnen, im 13. Stock, da thront die EU-Kommission. Das ovale Sitzungszimmer der Regierung Europas ist eines der hässlich-düstersten im ganzen Gebäude: Auf Fenster hat man weit gehend verzichtet, aus Sicherheitsgründen.

Wie die Sicherheitsvorkehrungen im Gebäude generell ein Detail sind, an dem EU-Verwaltungskommissar Neil Kinnock auch Vorteile der langen Bauverzögerungen entdeckt: "Nach 9/11 in den USA haben wir zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen im Berlaymont getroffen. Das wäre nicht gegangen, wenn wir planmäßig schon 2000 oder früher eingezogen wären."

Auch die Renovierungskosten von 503 Millionen Euro, die die Kommission bezahlen muss, findet Kinnock nicht so hoch: Immerhin mussten die Arbeiter Spezial-Asbestschutzanzüge tragen. Insgesamt belaufen sich die Baukosten auf 1,5 Milliarden Euro. Für Belgien kommen Spezialkosten dazu: Es muss monatlich 221.000 Euro Strafe an die Kommission wegen der Bauverzögerung zahlen. Zusätzlich ermittelt die Betrugsbehörde Olaf noch.

Kinnock schaut lieber in die Zukunft: "Nun ist die Kommission nicht mehr verstreut, sondern im Berlaymont beisammen." 64 Gebäude besiedelt die EU im Brüsseler Europaviertel. Wenn es nach Kinnock geht, werden so viele wie möglich behalten - und zur Stadtentwicklung genutzt: "Wenn wir die Erdgeschoße an Geschäfte und Lokale vermieten, wird das Europaviertel endlich belebt. Und nicht, wie bisher, nach 20 Uhr eine verlassene Gegend." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.9.2004)