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Ein Diadem hält ewig - ein Gesteck wenige Tage: Das ist der Inbegriff von Luxus

Foto: REUTERS/Peter Macdiarmid
Schiltern - Es gibt, ist Franz Josef Wein überzeugt, keinen Grund, Blumen zu kaufen. Nie. Jedenfalls keinen rational begründbaren, also "vernünftigen" Grund. Blumen, weiß der 43-jährige Saarländer, sind eine "rein emotionale Angelegenheit. Etwas Unnötiges, das die Seele erfreut - also Lebensqualität pur." Mehr noch, steigert sich Wein: "Ein Diadem hält ewig - ein Gesteck wenige Tage: Das ist doch der Inbegriff von Luxus."

Popstars einer Floristendynastie

Wein ist nicht irgendein Blumenhändler. In der europäischen Blütenszene ist der Spross einer 150-jährigen Floristendynastie ein Popstar: Preise, Bücher, Lehraufträge und Vorträge spicken seinen Lebenslauf. Renommierte Blumenbinder sind stolz, wenn sie in Weins "Akademie für Naturgestaltung" im niederösterreichischen Schiltern lernen dürfen. Und - wie vergangenes Wochenende - dort ihre Arbeiten vor eigens aus ganz Europa angereisten Kollegen präsentieren können. Neben "gängigen" Aufgaben (Strauss, Kranz oder Brautstrauß etwa) steht im 1591 errichteten Schloss auch eine Themenarbeit an. Diesjähriges Motto: "Weltarchitektur".

Per Los wurde den 25 Schülerinnen und Schülern aus Deutschland, der Schweiz und Österreich - allesamt Profis - da zugeteilt, ob sich ihr florales Opus magnum etwa dem Oberen Belvedere, dem Pergamonaltar, dem Chrysler-Building, Bilbaos Guggenheim Museum, der Saint Chapelle zu Paris oder der Wiener Sezession widmen solle.

Und einfach mit bunten Blüten Bilder oder Baulinien nachzuempfinden wäre zu banal - hatte man doch für fast 4000 Euro intensiv Kunst- und Kulturgeschichte sowie Stil-und Farbkunde gepaukt: Vor allem, erklärt Wein, lehre er, "die eigene Gestaltungskraft zu entdecken, auszubauen und darauf zu vertrauen".

"Grauenhaftes" Thema

So bewies etwa Christian Platzner, dass Blumen auch "politisch" sprechen können: Walhalla in Donaustauf, einen Lieblingsort Hitlers, blumig zu erklären, schien ihm zunächst "grauenhaft". Dann setzte er vordergründig auf "treue" Kornblumen auf deutscher Eiche in der streng verordneten Geometrie der Vorlage - und durchbrach sie mit einer weißen Rose: Platzner widmete seine Arbeit Sophie Scholl. Die Widerstandskämpferin war die - bislang - letzte, die in der deutschen Ruhmeshalle Aufnahme fand.

Manifest für Pracht ohne Zweck

Freilich: Auch wer "nur" Schönheit, Pracht und Opulenz des Originals umzusetzen hatte, tat sich nie wirklich leicht - denn manchmal überzeugten gerade Reduktion und Konzentration auf Details: Die Bambergerin Eva Maria Kaiser etwa machte in ihrer Auseinandersetzung mit dem chinesischen Teehaus in Potsdam das Dach des Gebäudes zur Schale. Die füllte sie mit - in minutiöser, detailverliebter Kleinarbeit fabrizierten - Pflanzenkissen und Blumenpölstern. Ein schöneres Manifest für Pracht ohne Zweck, schwärmte Franz Josef Wein, könne er sich kaum vorstellen. Auch wenn niemand Blumen - egal ob einzeln, im schlichten Strauß oder im aufwändigen Designergesteck - brauche. Und ein Leben ohne sie, so der Florist, wäre nicht einmal halb so schön. (Thomas Rottenberg, DER STANDARD Printausgabe 13.9.2003)