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"600 Kinder, die besondere Betreuung brauchen, werden diese heuer erstmals nicht bekommen können", warnte der Wiener Landesschulinspektor Gerhard Tuschel beim Symposium "Zukunft in der Krise", das vom Kuratorium für eine kinderfreundliches Österreich in Wien organisiert wurde. Alleine durch die Pensionsierungswelle im Vorjahr seien 20 Posten im Integrationsbereich abhanden gekommen. Ein Lehrer betreue etwa 30 Kinder pro Jahr, was bedeute, dass heuer 600 Kinder weniger psychosozial begleitet werden können.

Kinder bleiben auf der Strecke

Das seit 28 Jahren als vorbildlich geltende System mit Integrationsklassen und ambulanten Betreuungslehrern ist nach Ansicht von Experten in höchster Gefahr. "Was hier passiert, sind keine Einsparungen, sondern dramatische Kürzungen", betont Tuschel. Lernschwache, verhaltensauffällige oder behinderte Kinder blieben wegen der Reduktion von Lehrerposten und der Vergrößerung von Schulklassen immer öfter auf der Strecke. "Die benachteiligten Jugendlichen drohen wieder verstärkt in die Gettos der Sonderschulen abgeschoben zu werden", prophezeit der Experte. Sein Kollege Richard Felsleitner warnt vor den unvorhersehbaren Folgen: "Diese Rechnung wird ganz sicher nicht aufgehen".

Die Kritik der Experten ist eindeutig: Das bestehende System sei zwar teuer, aber erprobt. Gerade in Wien ist der Bedarf an sonderpädagogischer Betreuung groß. So gebe es in einigen Bezirken mehr als 50 Prozent Schulkinder mit nicht-deutscher Muttersprache. Tuschl: "Ohne spezielle Förderlehrer, die Sprachbarrieren beseitigen, würden viel dieser Kinder unweigerlich in Sonderschulen landen".

Nicht mehr Störungen, aber andere

Immer wieder geäußerten Behauptungen, dass psychische Störungen bei Kindern quantitativ zunehmen, erteilt Ernst Berger vom Neurologischen Zentrum Rosenhügel eine Absage. Dies sei statistisch nicht zu belegen. Sehr wohl ändere sich aber die Qualität der Störungen, ist der Wissenschafter überzeugt. So gebe es immer mehr jüngere Patienten mit schwereren Störungen in der Kinderpsychiatrie, auch im Justizbereich seien höhere Häftlingszahlen bei Jugendlichen zu beklagen.

"Dann setzt wieder das Klagen über den Werteverlust oder die Erziehungsfehler ein", kritisiert Berger, "oder irgendein Gen wird für die Probleme verantwortlich gemacht". Viel wichtiger sei es aber, endlich auch die psychosozialen Faktoren ausreichend zu untersuchen, erklärt Berger. So würden in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten durchgeführte Studien in Großbritannien belegen, dass sich vor allem die so genannte relative Armut einen belastenden Faktor darstellt. Je stärker die Einkommensschere zwischen Arm und Reich in einem Land auseinanderklafft, desto stärker die Belastung für die Ärmeren.

"Sozialer Stress hat beinahe sofort Auswirkungen", erklärt Berger. Höhere Sterblichkeitsraten und ein Anstieg von psychischen Erkrankungen sind messbar. Auch Schulleistungen von britischen Kindern sind während der "Ära Thatcher", in der soziale Ungleichheiten deutlich zugenommen haben, eindeutig schlechter geworden. "Eine neoliberale Politik schafft sehr schnell relative Armut", erklärt Berger, "und diese psychosozialen Faktoren drohen in Österreich in Vergessenheit zu geraten".

Kein Wahlrecht, keine Lobby

"Im Schulbereich findet momentan ein Sparen an Zeit und Geld statt", kritisiert Psychiater Prof. Max Friedrich. Der messbare Anstieg von Phobien und Panikstörungen bei SchülerInnen sei unter anderem auch die Folge dieser Entwicklung. "Schulpsychologen und Begleitlehrer helfen Kindern, ihre Ängste zu überwinden, man kann sie nicht einfach wegrationalisieren", warnt Friedrich.

Dass die Sparmaßnahmen genau im sensiblen Bereich von Schule und Betreuung stattfinden, kann sich Friedrich nur so erklären: "Kinder haben keine Wahlstimme und so gut wie keine Lobby". Wie drastisch die Kürzungen ausfallen, bekommt Friedrich auch in seiner Abteilung zu spüren: Im gesamten AKH sollen in den nächsten zwei Jahren  138 Ärzte eingespart werden. (az)