derStandard.at/Lewkowicz
Sirlo Heinrich ärgert sich schon seit zwei Wochen. Der Gärtner, "ein echter Wiener, in Prag geboren", betreibt einen Stand am Wiener Karmelitermarkt und telefoniert gerne ab und zu mit der Familie in Tschechien. "Um die Ecke sind zwei Telefonhütteln, bei der einen springt andauernd die Karte raus, bei der anderen tippt ma die Nummer ein und dann passiert nix", schimpft er. "Ich wünsch' mir eins, das wirklich funktioniert."

Bedarf für Telefonzellen

Auf Kunden wie ihn setzt Österreichs erster privater Telefonzellenbetreiber, die Firma ECOnet. Ab Oktober werden in Wien die ersten zehn Geräte in Betrieb genommen, in den nächsten zweieinhalb Jahren will die Firma bis zu 1000 Telefonzellen in ganz Österreich haben. Chris-Maria Baumer, ECOnet-Marketingchefin, nimmt handysüchtigen Skeptikern schnell den Wind aus den Segeln: "Es gibt noch Bedarf für Telefonzellen", erklärt sie. Touristen und Gastarbeiter, denen die Auslandsgebühren am Handy zu teuer sind, seien die Hauptzielgruppe, aber auch all jene die vergessen ihren Handy-Akku zu laden.

90 Prozent der Österreicher haben ein Handy

Das "Telefonhüttl" wird heuer 101 Jahre alt und war bisher das Monopol der Telekom Austria (TA). Da aber fast 90 Prozent der Österreicher ein Handy haben, verwaiste es in den letzten Jahren. Ein Test der Arbeiterkammer (AK) ergab, dass von 168 Telefonzellen in Wien rund ein Drittel defekt sind und 15 Prozent stark verschmutzt. ECOnet setzt deshalb besonders auf die Wartung und Pflege. Hauptargument für die neuen lila-orangen Telefone, die übrigens nur mit Münzen funktionieren, sei der Preis, so Baumer. Während eine Minute Ortsgespräch bei ECOnet zehn Cent koste, verlange die TA zwölf Cent. In die Türkei kostet eine ECOnet-Minute 56 Cent, nach Tschechien 42 Cent. Bei der TA seien es 70 in die Türkei und 50 Cent nach Tschechien. Außerdem können die lila-orangen Geräte auch SMS zu je 15 Cent verschicken, ein Service, den die Telekom seit August in 350 Multimediatelefonzellen anbietet. Seit Frühjahr arbeitet die Telekom an einem Programm, um Wartung und Sauberkeit der Telefonzellen zu verbessern.

Franchisesystem

Die insgesamt 23.000 Telefonzellen sind für die Telekom kein rentables Geschäft. Da sie aber zur notwendigen Infrastruktur gehören und bisher kein privater Anbieter ein eigenes Netz aufbaute, unterstützen alternative Netzanbieter wie die UTA die Telekom, um diesen Service zu erhalten. ECOnet plant in den nächsten zwei bis drei Jahren profitabel zu werden. Die Firma will nach dem Franchisesystem wachsen. Für ein Gerät mit Telefonzelle zahlt der Franchisenehmer 4000 Euro, wenn es nur an der Wand installiert wird, 1000 Euro. (Der Standard Printausgabe, 18/19.September, Nadja Hahn)