Die, die zuletzt kommen, sitzen ganz hinten: Erika Scharer stört's nicht.

Foto: Cremer
Vor zwei Jahre ist Erika Scharer als Nationalratsabgeordnete der SPÖ ins Parlament gekommen. Ein politischer Lehrling ist sie trotzdem nicht, liegen doch 20 Jahre politischer Basisarbeit auf Gemeinderatsebene hinter ihr. Das prägt: "Ihren" Gemeinden fühlt sich Scharer nach wie vor verbunden.

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Wenn Erika Scharrer noch einmal von vorne anfangen müsste, sie würde nichts anders machen in ihrem politischen Leben. Politik ist für sie noch immer so spannend und aufregend wie am ersten Tag, obwohl sie als Abgeordnete der SPÖ im Nationalrat ziemlich weit hinten sitzt. Aber das ist eben in allen Parteien Tradition: Die, die zuletzt kommen, sitzen in der letzten Bank des Parlaments.

Scharer kam im Dezember 2002, und es macht ihr nichts aus, hinten zu sitzen. Was ihr mehr ausmacht und sie stört, ist der Ruf, den die "Hinterbänkler" von den Medien verpasst bekommen haben: Faul, überbezahlt und eigentlich überflüssig.

Wer die Leistung eines Abgeordneten an den Minuten der Redezeit messe, habe keine Ahnung von dem Beruf, meint Scharer. Unausgesprochen lässt sie, dass die Zeitgeistmagazine und Kleinformate, die damit begonnen haben, also entweder keine Ahnung haben oder, noch schlimmer, wider besseres Wissen die böse Mär vom Hinterbänkler verbreiten, der sich auf Steuerzahlers Kosten ein schönes Leben macht.

Davon, so Scharer, könne wirklich keine Rede sein. Sie ist für 68 Gemeinden im Pinzgau, Pongau und Lungau zuständig, dort leben rund 186.000 Einwohner, 130.000 davon sind wahlberechtigt. Und die wollen von ihrer Abgeordneten Leistung sehen, umso mehr, als diese ja für Fachbereiche verantwortlich ist, die tatsächlich etwas mit dem täglichen Leben der Menschen im Pinzgau, Pongau und Lungau zu tun haben: Arbeitsmarktpolitik und ländliche Infrastruktur.

Fast 20 Jahre hat sich Scharer als Gemeinderätin in Kaprun genau um diese "zentrale Anliegen", wie sie es nennt, gekümmert. Früher war es Landespolitik, wo man sich einiges auch mit dem politischen Gegner ausreden konnte. Jetzt ist es Bundespolitik, und da seien die Grenzen klarer und undurchlässiger: Die schwarz-blaue Regierung "bagatellisiere" Lebensfragen der Menschen, und was von der Opposition komme, werde erst einmal auf die lange Bank geschoben. Oder gleich vergessen.

Auf die Frage, ob sie dennoch etwas bewegen könne, antwortet Scharer ohne zu zögern mit Ja. Sie habe ein gutes Netzwerk aufgebaut, in dem "ihre" Gemeinden miteinander verknüpft sind, sie ist viel unterwegs, hört zu und versucht, möglichst viel für ihre Leute zu erreichen.

Denen fühlt sich Scharer nach wie vor verpflichtet, und wo die Bedürfnisse klar formuliert werden und klein sind, fallen auch die Siege nicht groß aus: Einmal sollte ein Gendarmerieposten im Lungau gesperrt werden, eine Bagatelle im Sicherheitskonzept der ÖVP, aber eine "Katastrophe" für die Leute vor Ort. Da habe sie durch ihre Anfragen und ihre Arbeit erreicht, dass der Posten nicht gesperrt wurde, erzählt Scharer, und das sei schon ein Erfolg. Einer, von dem die Menschen, denen sie verpflichtet ist, täglich etwas haben. (Samo Kobenter/DER STANDARD, Printausgabe, 22.9.2004)