Stell dir vor, du hüpfst in Salzburg vom Mönchsberg und landest in der Felsenreitschule mitten in einer Operninszenierung von Christoph Schlingensief: Simon Schwarz und Josef Hader in Wolfgang Murnbergers "Silentium".

Foto: Filmladen/ Lunafilm/ Domenigg

Je weiter man sich von einem Kriminalroman von Wolf Haas entfernt, desto näher kommt man im Kino dem Geist der Vorlage. Die sehenswerte Probe aufs Exempel macht "Silentium", nach "Komm süßer Tod" die zweite Adaption eines Haas-Buches durch Wolfgang Murnberger.

Wien – Nachdem sich in den letzten Wochen alle Beteiligten an diesem Film redlich bemüht haben, nachzuweisen, dass Silentium keine Kritik an Salzburg, den Salzburger Festspielen, Zuständen in Priesterseminaren und überhaupt an der österreichischen Gesellschaft sei und dass zum Beispiel die Szenen mit Josef Hader als Migräne-Jesus vor dem Rummel rund um Mel Gibsons Passion Christi geschrieben und gedreht wurden – kurz, nachdem einmal klar ist, dass Silentium ein eigenes kleines, fiktives Universum abbildet, sei an dieser Stelle vermerkt: Dies ist vor allem ein sehr gescheiter Film über blöde Gedanken.

Oder, genauer – ein Film über das, was man sich so ausdenken muss, wenn nichts richtig fassbar ist (bei einem Detektiv zum Beispiel: Beweise), und dann beginnt man ein bisschen zu spinnen, oder man macht autogenes Training, und dann steht die Welt möglicherweise Kopf, aber: Wenn man das, was man findet, immer suchen müsste, dann wäre man nie darauf gekommen. Oder so ähnlich.

Kopfwehtabletten

>Silentium erzählt zum Beispiel, in einer der schönsten, liebenswürdigsten Szenen, über Kopfwehtabletten. Nun, eigentlich erzählt der Film zuerst einmal darüber, wie sich ein Mann (Josef Hader als in Salzburg gestrandeter Detektiv Brenner) auf den ersten Blick in eine Frau (Anne Bennent als Apothekerin) verliebt. Und weil die beiden durch ein kleines Apotheken-Nachtdienst-Ausguckfenster darüber natürlich nicht reden können, reden sie über Kopfwehtabletten. Und darüber, dass manche den Körper so verändern, dass das Blut durch die Haut austritt.

Dass dieses kleine Motiv in drei ganz kurzen Momenten in Silentium aufgegriffen und weiterentwickelt wird, ist ein anrührender Running Gag. Dass wiederum an anderen Stellen menschliche Körper (und Seelen) bis aufs Blut geschunden werden, gibt dem Gag eine bitter-böse Ambivalenz. Mitten in diese Spannung zwischen dem Blöden und dem Bösen zielt (und trifft) Silentium. Und jedes Mal, wenn der Film ein wenig Pause macht (oft gibt es auch großartige Actionszenen) und seinen Helden Atem holen lässt, erzählt er auch ein wenig über sich selbst.

Gleich zu Beginn zum Beispiel noch eine Szene über einen Mann und eine Frau. Sie (Maria Köstlinger), die Tochter des Festspielintendanten, trauert am Mönchsberg um ihren ermordeten Gemahl. Und jetzt soll der Brenner, weil sie traurig ist, etwas Blödes sagen. Daraus entsteht das Gleichnis vom Leberkäse und den Knackwürsten. Die Knackwürste nämlich, so Brenner, werden aus Resten von Leberkäse gemacht. Und der Leberkäse...?

Richtig. Ein klassischer Fall eines hermetisch in sich geschlossenen Systems. Wie das Salzburg im Film, das "Märchen-Salzburg", über das Josef Hader in einem Gespräch mit dem STANDARD meinte: "Eine verwunschene Stadt, mit einer Glaskuppel drüber, die Außenwelt ist in diesem Treibhausklima irrelevant, es ist wie in einem Labyrinth, aus dem viele rauswollen, und dann kommen sie nicht raus und stürzen sich wo hinunter." Na ja, vielleicht ist das doch ein realistischer Film.

Auf jeden Fall ist er von der Handschrift her deutlich erkennbar ein Film von Wolfgang Murnberger – und das in ungleich stärkerem Ausmaß als dessen erster Brenner-Film Komm süßer Tod. All jene Elemente, mit denen man damals noch Werktreue gegenüber den Bestsellervorlagen von Wolf Haas behaupten wollte, teilweise aber erst eine filmische Entsprechung zu Haas' eigenwilligem Erzählstil ("Jetzt ist schon wieder etwas passiert") finden musste – hier sind sie ungleich zurückgenommener, wie auch das Spiel von Hader (dem im Übrigen weitere Darsteller wie Simon Schwarz, Udo Samel, Joachim Krol oder Joachim Bissmeier in nichts nachstehen).

Dies wiederum führt uns zurück zum Suchen und zum Finden und dass man manchmal erst recht nichts findet, wenn man lange sucht. Oder: Dass man manchmal mehr sieht, wenn man ganz woanders hinschaut. Auf gefundene alte Filme zum Beispiel, so wie das früher die Kinder in Wolfgang Murnbergers wunderbarem Debütfilm Himmel oder Hölle (1990) getan haben: ein bisschen versonnen, ein wenig mitleidlos, aber mit einem inständigen Interesse für kleine und kleinste Details.

Insofern ist der Vorspann von Silentium fast der Höhepunkt: zerschrammte Super-8-Erinnerungen an das Wiederaufbauwunder-Österreich. Familienfeiern, sonnenbeschienene Fronleichnamsprozessionen, Kirchgänger, Ferienlager, nackte Kinder...

Keine Mozartkugel

Je länger das zum knisternden, flackernden Elektrosoundtrack der Sofa Surfers so weitergeht, desto größer wird der Widerwille gegen diese Unschuldsbilder, weil sich zwischen ihnen noch etwas anderes ereignet haben muss. Aber das bleibt ausgespart: Heimkino im Kopf gewissermaßen. Insofern ist Silentium, in dem auch keine Mozartkugel zu sehen ist, eine wahre Orgie an kunstvoll gesetzten Auslassungszeichen, in die hinein man seinen eigenen Film produzieren könnte. Wie in einem Buch von Wolf Haas. Und doch ganz anders (auch wenn es jetzt eine adäquatere Erzählerstimme gibt als in Komm süßer Tod). Also aus weiter Ferne ganz nah.

Schließen wir mit einem letzten blöden Gedanken: Dies ist übrigens auch ein Film darüber, wie man sich den Salzburger Festspielen besser nicht nähert. Zum Beispiel durch den Nebeneingang. Da verirrt man sich schnell in unterirdischen Kellergeschoßen und landet am Ende im Bierlokal. Oder, auch ein Fehler, per Sprung vom Mönchsberg, mitten hinein in eine Inszenierung von Christoph Schlingensief.

Da sieht man aber, wenn Josef Hader und Simon Schwarz fassungslos Zeugen einer modernisierten Mullah-Variation der Entführung aus dem Serail werden: Silentium – ein klarer Fall von Märchen. Helga Rabl-Stadler würde Schlingensief ja nie und nimmer in Salzburg inszenieren lassen. Es sei denn, sie kommt auch noch auf blöde Gedanken... (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.9.2004)