"Ein noch nie da gewesenes Hochwasserereignis" hieß es nach den katastrophalen Überschwemmungen im August 2002. Und schnell war die vermeintliche Ursache für das Sauwetter gefunden: die Klimaerwärmung. Auch über das niederösterreichische Kamptal hatte sich in wenigen Tagen eine Flut ergossen, ein zerstörender See gelegt, dem zu entrinnen vielen Einwohnern nur noch über die Dächer ihrer überschwemmten Häuser möglich war - von dort wurden sie mit Hubschraubern ins Trockene gebracht. Politiker aller Couleurs bekundeten den Betroffenen im Katastrophengebiet persönlich ihr Beileid, versprachen damals ihre unbedingte Hilfe - es galt, in ein paar Monaten Nationalratswahlen zu bestreiten.

Verzweifelt wurde von offizieller Seite die abstrakte Mathematik zur Beschreibung des Unbeschreiblichen bemüht: "Dieses Hochwasser erreichte eine historische Dimension, wie sie statistisch gesehen nur alle 2000 Jahre vorkommt und alle Schutzmöglichkeiten sprengt." Was nur leider nicht ganz stimmte.

Verdrängt aus dem kollektiven Gedächtnis war damals nämlich die Flutkatastrophe im Kamptal nur 99 Jahre davor: 1803 stand das Wasser in der Region um 48 Zentimeter höher, war die Überflutungsfläche mit 65 Quadratkilometern um 25 Prozent größer als im Schicksalsjahr 2002. Verdrängt auch die Hochwässer im Kamptal der Jahre 1780 und 1829, die ähnliche Dimensionen erreichten und schließlich den Wasserbauer Carl Adler Edler von Lilienbrunn auf den Plan riefen: Für den Kamp im Bereich zwischen Hadersdorf und der Mündung in die Donau plante er vier Varianten von Regulierungsmaßnahmen und andere Schutzbauten, legte sie den zuständigen Behörden als dringend umzusetzende Maßnahmen zum künftigen Schutz vor ähnlichen Katastrophen vor.

Freilich wurden die Projekte niemals realisiert, der Regen war weniger geworden, die Bedrohung des Flusses in Zusammenhang mit dem Wetter nahm in den Augen der Bevölkerung und der Obrigkeit ab. Und die Siedlungstätigkeit verlagerte sich von höher gelegenen Ortsteilen direkt an die Ufer des Kamp.

Es war der niederösterreichische Landschaftsplaner Heinz Wiesbauer, der diese historischen Fakten vor wenigen Monaten ins öffentliche Bewusstsein zurückholte und damit auch klar vor Augen führte, dass die inzwischen schon reflexartige Verknüpfung von extremen Wetterereignissen mit der von Menschen verantworteten Ankurbelung der Klimaerwärmung, die nachweislich erst nach zunehmender Industrialisierung im 20. Jahrhunderts begonnen hat, eine etwas verkürzte Sicht ist. Was nicht heißt, dass der Klimawandel keinen Einfluss auf extreme Wetterereignisse hat.

In den vergangenen 100 Jahren ist die weltweite Temperatur im Schnitt um 0,6 Grad Celsius gestiegen, 0,4 Grad davon seit 1972. Am deutlichsten war der Anstieg in der nördlichen Hemisphäre, allein von 1976 bis heute dreimal so stark wie in den gesamten 100 Jahren zuvor. Nicht ganz so geradlinig verhält sich El Nino, eine Konstante im globalen Wetterchaos.

Die alle paar Jahre auftauchende Klimaerscheinung wird assoziiert mit starken Regenfällen und Überschwemmungen entlang der Westküste Südamerikas und - mit Zeitverzögerung - mit Dürrekatastrophen und Überschwemmungen in Afrika, Asien und Australien. Wieso, ist nicht ganz klar. Die erhöhte Meeresoberflächentemperatur könnte die Verdunstung verstärken, diese die Luftzirkulation in der oberen Atmosphäre beeinflussen: durch die beim Aufsteigen der Luftmassen erfolgende Kondensation, die Wärme und Energie freisetzt.

Aus den seit 1899 aufgezeichneten Daten geht hervor, dass die Intensität El Ninos bis 1923 abgenommen hat, bis 1972 konstant gering war. Seit damals, seit auch die globale Temperatur am stärksten zu steigen begonnen hat, nimmt sie wieder zu. Klimamodelle sagen voraus, dass durch die Erwärmung der nördlichen Hemisphäre extreme Folgeerscheinungen wie bei El Nino bald auch Europa treffen könnten. Generell wird befürchtet, dass die Änderung der durchschnittlichen Temperaturerhöhung weniger markant ausfällt, als die Änderungen der daraus resultierenden Extremereignisse. Wie das aussehen könnte, zeigt eine im britischen Nature publizierte Studie der ETH Zürich.

Die Wissenschafter nahmen vorliegende Klimadaten der mittleren Sommertemperaturen in der Schweiz und stellten eine Zahlenreihe für das 20. Jahrhundert dar. Darin fiel der Hitzerekordsommer 2003 als Extrem auf - ein Abgleich mit Klimamodellen der Vergangenheit brachte das Ergebnis, dass solche Temperaturmaxima vom Ende des 20. Jahrhunderts aus betrachtet nur alle paar Tausend Jahre auftreten. Dann simulierten sie anhand der Prognosen das Klima für das gesamte 21. Jahrhundert, versuchten den Rekordsommer darin einzuordnen. Das Resultat: Vom Ende des 21. Jahrhunderts aus betrachtet, werden solche Temperaturen von den Menschen nicht mehr als Extrem wahrgenommen. Warum? Weil bereits jeder zweite Sommer so heiß sein dürfte. Wie dann Extreme ausfallen, kann man sich heute nur ausmalen. (fei/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26. 9. 2004)