Das Chaos um uns herum wächst. Wächst auch ein Bedürfnis nach mehr Ordnung? Fleischhacker : Ja, es gibt ein größeres Bedürfnis nach Strukturen, weil immer mehr ungeordnete Reize auf uns einwirken. Es ist schwierig, diese Informationsflut sinnvoll zu verarbeiten. Wir suchen in bestimmten Ordnungen Halt. Es gibt das Bild vom kreativen Chaoten. Ist Unordnung wichtig für einen Kreativprozess? Fleischhacker : Für einen Kreativprozess braucht es beides: Unordnung, um Kreativität zuzulassen. Viele Kreative arbeiten aber oft in sehr geordneten Strukturen - fast wie Beamte. Die Vereinigung beider Elemente ermöglicht, Kreativität in Produktivität umzusetzen. Hat Ordnung etwas Lebensfeindliches? Fleischhacker : Prinzipiell nicht. Ordnung hat viele Motive. Sie entsteht aus gesunden Überlegungen oder kann schwer pathologisch sein. Ordnung hilft in der täglichen Organisation. Manche - das ist Kompensationsverhalten - räumen lieber die Wohnung auf, wenn sie eigentlich arbeiten müssten. Andere ertragen nicht, wenn ein Buch nicht Kante auf Kante mit dem anderen liegt. Wann werden Ordnung/Unordnung bedenklich? Fleischhacker : Wenn einerseits Leidensdruck und andererseits Kontrollverlust vorhanden ist. Auch bei Messies (Müllmenschen) ist Leidensdruck und Kontrollverlust vorhanden. Fleischhacker : Ja, aber ich kann mit solchen Kategorisierungen wenig anfangen. Das sind Modebegriffe, die an der Individualität von Störungen vorbeigehen. Wichtig ist, gesunde und krankhafte Ordnung zu unterscheiden. Sammler ordnen. Sind Sammler neurotisch? Fleischhacker : Da gilt: Gibt es einen Leidensdruck und die Möglichkeit der Kontrolle oder nicht? Sammeln steckt tief in der phylogenetischen Menschheitsentwicklung, es hat das Überleben ermöglicht. Pathologische Sammler gehen in Richtung Zwangsstörung, wie Messies, die alles aufheben müssen. Sind Sammlerobjekte Ersatz für Zuwendung? Fleischhacker : Solche psychodynamische Deutungen klingen für viele plausibel. Nachgewiesen hat das niemand. Da befinden wir uns mitten im Religionsstreit der Psychotherapieschulen. Für Analytiker liegt die Entstehung von Zwangsstörungen in der analen Phase. Ich warte noch auf einen schlüssigen Nachweis, dass diese Theorie stimmt. Worin liegen aber die Ursachen für solche extremen Verhaltensweisen? Fleischhacker : Verschiedene Psychotherapieschulen liefern verschiedene Interpretationsmuster. Was man unabhängig davon sagen kann: Solche Störungen manifestieren sich in den Gehirnzentren, die für motorische Koordination verantwortlich sind. Man sieht Veränderungen bei Patienten mit Zwangsstörungen und weiß, dass psychotherapeutische und medikamentöse Behandlung diese Veränderungen in den Gehirnarealen verbessern können. Was ist Menschen, die zwanghaft ordentlich oder unordentlich sind, zu raten? Fleischhacker : Sie sollen Hilfe suchen. Bei Zwangsstörungen gibt es ein hohes Risiko für Depressionen und Suizid. Das sind ernst zu nehmende Erkrankungen, die oft als lächerlich abgetan werden. Es gibt neben den Neurosen auch Zwangsphänomene, die zum Beispiel als Folge eines Gehirntumors oder im Rahmen von Schizophrenie oder Depressionen auftauchen. Häufen sich zwanghafte Ordnungsneurosen oder gibt es nur eine Sensibilisierung? Fleischhacker : Ich denke letzteres. Die Menschen sind offener geworden. Populäre, von betroffenen Patienten verfasste Bücher haben diese Phänomene ans Licht der Öffentlichkeit gerückt, und heute gehen sicher mehr Leute deswegen zum Arzt. Und das führt wiederum zu der Vermutung, dass es heute solche Störungen häufiger gibt als früher. (DER STANDARD, Album, 2.4.2004)