1.) In unserer Kindheit gab es die militanten Ordnungshüter, die ihren Pensionsschock in der Straßenbahn auslebten. Jeder zweite Satz war ein Fluch, jeder dritte begann mit den Worten: "Die heutige Jugend." Man durfte weder raufen noch rülpsen noch spucken noch ließen sie uns die Füße auf dem Vordersitz ruhen. Manchmal trugen sie uns Ohrfeigen an, manchmal langten sie gleich zu. Wir nannten sie "die Alten", sie boten ein trauriges Bild: verhärmt, humorlos, intolerant. Wir schworen uns, wir würden nie werden wie sie.2.) Vor ein paar Tagen hing ein Häufchen Jugendlicher in einem U-Bahn-Sitz. Der Hosenschritt baumelte knöcheltief. Die Ohrläppchen waren fünffach abgesiegelt, alle Piercings bis zur Hüfte an der Frischluft. Der Blick starrte ins Nichts des Daseins, der Mund war geöffnet, um den Kiefer nicht unnötig zu belasten. Und im Umkreis von fünf Metern wurden die Fahrgäste von einem unerträglichen Getöse heimgesucht, welches aus dem Spalt zwischen Ohr und Kopfhörer ins Freie drang. Da murmelte mein Nachbar, ein empörter Pensionist: "Was ist das für eine Jugend?" Und was tat ich? - Ich nickte ihm zu. In 20 Jahren werde ich so einem Jungen vermutlich den Walkman von den Ohren reißen. (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe 4.10.2004)