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Foto: APA / BARBARA GINDL
"Das da" - Peter Messner scharrt mit den Füßen am Boden - "ist wirklich gut." Und während die Fußspitze des 28-Jährigen über die Rillen im Boden der U-Bahn-Station Stephansplatz schrammt, schwingt sich der Besitzer des Fußes zu einer Eloge über das Blindenleitsystem der Wiener Linien hoch: "Vorbildlich", lobt Peter Messner - und konterkariert damit, was er wenige Minuten zuvor hat: "Das ideale System", hatte der Usability-Experte da gesagt, "gibt es nicht. Dazu sind die Ansprüche der einzelnen Benutzer zu verschieden."

Problematik

Allerdings stand Messner da gerade vor einem Fahrscheinautomaten der Wiener Linien, hatte das Werkel in Grund und Boden rezensiert und sollte den Automaten dann auch noch benoten: So simpel, hatte der Nutzforscher gemeint, sei die Nutzbarkeitstesterei halt nun auch wieder nicht.

Der Wirtschaftsinformatiker vom Wiener Center for Usability Research & Engineering (Cure) war vom STANDARD gebeten worden, die Benutzerfreundlichkeit der Stadt genau unter die Lupe zu nehmen. Messner konzentrierte sich auf Leitsysteme und öffentliche Automaten: Gerade hier, so der Forscher, trenne sich "gut gemeint" von "gut gemacht". Ein Beispiel: "Es gibt einen Bankomaten nahe dem Parlament, der steht so, dass sein Display so spiegelt, dass er tagsüber nicht benutzt werden kann."

Bewertung

Und das habe nichts mit dem Funktionieren des Gerätes zu tun: Usability, so Messner, werde - grosso modo - über fünf Parameter bewertet: Erlernbarkeit, Effizienz, Erinnerbarkeit, Fehlertoleranz und Zufriedenheit mit einem System. Ergänzend kämen dann noch Vertrauen oder Spaß hinzu: "Faktoren wie ,Wohlfühlen' werden auch vom Marketing sukzessive anerkannt."

Das Wiener-Linien-Motto "Die Stadt gehört dir", stellt Messner dann vor dem Touchscreen-Ticketautomaten fest, müsse man sich aber "hart erarbeiten": Abgesehen vom Zugang ("Aus der Rollstuhlperspektive spiegelt das Display") wäre die Kodierung ("Nicht einmal wenn ein Plan hier hänge, würde ich als Tourist wissen, was die Kernzone 100 ist") kryptisch und die Erkennbarkeit ("Man könnte neben ,Fahrscheine' ganz leicht auch ,Tickets' schreiben - nun verwirren die Buttons mit den Länderfahnen im Display") nicht optimal. Und was ein "Wiener Einkaufsticket" ist, stellte dann auch den Wiener Messner vor Rätsel.

Rätselhaft

Derartiges, so der Nutzbarkeitstester, passiere, wenn "Entwickler Benutzer nie zu Gesicht bekommen". Oder aber betriebsblind werden: So wisse nicht jeder, ob etwa die U3-Station Rochusmarkt (vom Stephansplatz aus) Richtung Simmering oder Ottakring liegt: "In London steht auf den Zügen ,northbound' und ,southbound' - das ist vor allem auf Bahnsteigen, die zwischen den Fahrtrichtungen liegen, hilfreich" - und das würde einem als Kenner des Wiener Netzes ebenso wenig auffallen wie der Umstand, dass die vor den Rolltreppen verkündete Stationsreihenfolge an den Wänden neben den langen Rolltreppen abwärts eher gesehen wird.

Wie man solche Kleinigkeiten "misst", zeigt etwa das aktuelle Cure-Projekt "Boris". Boris steht für "Benutzerorientiertes Reiseinformationsservice" und soll Infobedarf unterwegs erheben: Cure stattete Tester mit "Fake-PDAs" (abwischbare Plastikplatte samt Stift) aus - die Tester malten Wegdiagramme mit Pfeilen, Tafeln oder sonstigen (gewünschten) Hilfstools.

Peinliche Fehler

Dass es in der Umsetzung aber auch noch zu gröbsten Fehlern kommen kann, veranschaulicht Messner anhand eines "klassischen" Leitsystemfehlers: "Im AKH gibt es einen roten und einen grünen Bettenturm. Dass man mit diesen Farben einer großen Gruppe die Benutzbarkeit des Leitsystems unmöglich macht, hat niemand bedacht - dabei sollte man im Gesundheitsbereich wissen, dass zehn Prozent aller Männer eine Rot-Grün-Schwäche hat: Sie können diese Farben schwer oder nicht unterscheiden." (Thomas Rottenberg / DER STANDARD Printausgabe, 11.10.2004)