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Lesesaal der Oesterreichischen Nationalbibliothek.

Foto: APA/Gindl

Wien - "Hallo?" Die Stimme tönt direkt unter unseren Füßen, aus dem Boden heraus. "Was is' da oben?"

Wir stehen im Keller der Österreichischen Nationalbibliothek gerade auf dem letzten Rest jener Einrichtung, die Gerhard Roth im Roman "Der Plan" beschreibt. "Der ,Gitterrost' . . . war schon beim Bau der Nationalbibliothek im Speicher anstelle des Fußbodens eingezogen worden, um möglicher Brände schneller Herr zu werden. Erstaunt sah er beim ersten Betreten zwischen den Eisenstäben hindurch alle fünf Stockwerke bis hinunter zur tiefsten Etage."

Franz Jaksch, Leiter der Haustechnik der Nationalbibliothek, erläutert gerade, warum es jetzt im Kellergewölbe unter dem Prunksaal nur noch zwei Geschoße sind, die derart von einem Gitterrost getrennt werden. Weil eben nach der Fertigstellung des großen neuen Tiefspeichers im Jahr 1992 hier alles umgebaut wurde, weil hier neue Zwischendecken, auch "Manipulationsebene" genannt, eingezogen wurden, neue Räume geschaffen wurden.

Nur hier, in der Sammlung von Inkunabeln, alten und wertvollen Drucken, ist alles noch wie früher, stehen noch die historischen Stahlregale, die von der Firma Waagner Biro vor 101 Jahren im Nietverfahren eingerichtet wurden. Dies erläutert Jaksch gerade, als genau unter unseren Füßen der Mann im blauen Arbeitsmantel auftaucht. Es ist Helmut Lang, der als Leiter der Sammlung Nachschau hält, wer da in seine Räume hineinmarschiert ist.

Das Büro

Dass im Roman "Der Plan" das Innere der Nationalbibliothek beschrieben wird, braucht man Herrn Lang nicht großartig zu erklären. "Ja, ja, der Gerhard Roth beschreibt in dem Buch ja auch mein Büro." Und zwar folgendermaßen: "Noch nie hatte Feldt ein vergleichbares Chaos gesehen. Auf den Tischen türmten sich Papierberge, Bücherstapel, Aktenhaufen, auch auf dem Fußboden, der Couch, auf den Stühlen, den Rollschränken und dem Kopiergerät."

Es ist nur eine kurze Episode, die Roth hier als Rückblende beschreibt, bevor Konrad Feldt, Bibliothekar der Nationalbibliothek, nach Japan fährt. Mit einem entwendeten Mozart-Autograf, um dort mit einem Händler Kontakt aufzunehmen. Es handelt sich um einen Zettel, herausgerissen aus Mozarts Requiem. Dieses Original lagert auch wirklich in der Nationalbibliothek. Aber so einfach anschauen, das geht nicht. "Das ist ein ausgesprochen aufwändiger und komplizierter Entlehnvorgang", erläutert Lang.

Die "bestimmte Stelle"

So kurz er auch ist: Roths Nationalbibliotheksrückblick hat es jedenfalls in sich, und im ehrwürdigen Gebäude grinsen sie, wenn das Buch nur erwähnt wird. Sie reden von einer "bestimmten Stelle", die da beginnt mit: "Eine Woche später beobachtete Feldt den Oberaufseher, wie er sich in einem Winkel des Tiefspeichers selbst befriedigte." Die weiteren Details kann man gern im Buch nachlesen. Quell der Inspiration waren jedenfalls die "pornographischen Illustrationen von Fendi aus der Biedermeierzeit".

Roth hatte dafür gründlich recherchiert. "Er ist ja wochenlang bei mir im Büro g'sessen", lächelt Lang. "Weil er G'schichteln hören wollte." Tatsächlich habe es einmal einen derartigen Vorfall einer tiefspeicherlichen Onanie gegeben, bestätigt der leitende Bibliothekar. "Aber das is' schon sehr, sehr lang' her - und es war auch kein Oberaufseher, sondern nur ein ganz normaler Aufseher."

Inzwischen ist natürlich alles anders, lagern auch die meisten Bücher im neuen, gewaltigen Tiefspeicher, wo nur noch eines gekurbelt wird: die hochmodernen Regale, die über ausgeklügelte Systeme bewegt werden. Auch Herr Lang ist im Haus inzwischen in ein anderes Büro übersiedelt - "aber der Sauhaufen is' schon wieder der gleiche", lacht er.

Eines aus dem Roman von Gerhard Roth gilt jedoch heute noch genauso wie damals: "Der labyrinthische Gebäudekomplex der Nationalbibliothek . . . übertraf alle Vorstellungen, die er sich von ihm gemacht hatte." (Der Standard, Printausgabe, 12.10.2004)