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Foto: EPA/Boro
Den chinesischen, indischen und südostasiatischen Märkten mit ihren rund drei Milliarden immer zahlungskräftigeren Konsumenten kann sich heute kaum ein internationales Unternehmen mehr entziehen. China und Indien erwirtschafteten vor 200 Jahren 50 Prozent des weltweiten Bruttoinlandprodukts (BIP). Im Jahr 1974 machte ihr kombinierter Anteil gerade noch acht Prozent aus. Die bevölkerungsreichen Staaten haben mittlerweile ihre Schwächephase überwunden und zur Aufholjagd auf die reichen und mächtigen Industriestaaten angesetzt. Noch sind diese Trends weitgehend im Anfangsstadium. Doch die Dynamik ist bereist in vollem Gange.

Imposantes Wachstum

Die chinesische Wirtschaft wuchs in den vergangenen zwei Jahrzehnten trotz gelegentlicher zyklischer Tiefs – ein solches steht nach einer Phase der Konjunkturüberhitzung unter Umständen jetzt wieder bevor – durchschnittlich um rund acht Prozent jährlich. Inzwischen haben 65 Millionen Chinesen ein Jahreseinkommen von mehr als 5000 US-Dollar. In der Region Asien–Pazifik (ohne Japan) werden nach Projektionen des Hongkonger Finanzhauses CLSA bereits 2010 mehr als 500 Millionen Menschen - gemessen an ihrer Kaufkraft - der Mittelklasse angehören.

Angesichts seiner Bevölkerungsstruktur, der wachsenden Kaufkraft und zunehmender Produktivinvestitionen sollte China dieses Wachstumstempo ein weiteres Vierteljahrhundert aufrechterhalten. Erhält China diese Dynamik aufrecht, wird es gemäß einer Studie des amerikanischen Finanzhauses Goldman Sachs im Jahr 2040 die Vereinigten Staaten als größte Wirtschaftsmacht der Welt überholen.

Indien leitete seine Wirtschaftsreform zwar erst Anfang der Neunzigerjahre – also 15 Jahre nach China – ein, doch bewegt sich auch da das durchschnittliche jährliche Wirtschaftswachstum zwischen sieben und acht Prozent. Indiens Wirtschaftskraft wird währenddem bereits 2032, gemessen am BIP, größer sein als diejenige Japans, der heutigen Nummer zwei. Zusammen würde das Sozialprodukt von China und Indien Mitte dieses Jahrhunderts die heute fünf größten Industriestaaten – USA, Japan, Deutschland, Italien, Großbritannien und Kanada – in ihrer kombinierten Wirtschaftsleistung überholen.

Ähnlich und doch so verschieden

China und Indien sind auf den ersten Blick ähnlich. So haben beide eine rasant wachsende Bevölkerung und eine sehr hohe Arbeitslosenrate; überdies verfolgen sie einen exportgetriebenen Wachstumskurs und sind in hohem Maß von ausländischen Investitionen abhängig. Den sino-indischen Entwicklungen kommt zugute, dass sich die jeweiligen Wirtschaftsstrukturen erheblich unterscheiden und die beiden Länder ein anderes Entwicklungsstadium durchlaufen.

Chinas Stärken liegen vor allem in der verarbeitenden Industrie, während Indien im Bereich Dienstleistungen und in der Entwicklung von Computersoftware die Nase vorne hat. Während der Industriesektor in China deutlich über 50 Prozent des BIP erbringt, steuert in Indien der Dienstleistungszweig über 50 Prozent des BIP bei. Im Reich der Mitte sind einige der weltweit größten und leistungsfähigen Industrieunternehmen, etwa in der Petrochemie und der Automobilindustrie, angesiedelt.

Am Ganges dagegen zählen Gesellschaften der Informationstechnologie zu den konkurrenzfähigsten des Landes. Das macht sie auf dem Heim- und dem Weltmarkt nicht so sehr zu Konkurrenten, sondern zu sich ergänzenden Partnern, wie es eine Studie des Schweizerischen Finanzkonglomerats UBS zum Thema der in China und Indien entstehenden Konsumgesellschaften jüngst hervorhebt.

Opfer des eigenen Wachstums?

Scheitern könnten die Träume vom fernöstlichen Eldorado an den knapper und damit teurer werdenden Ressourcen. Asiens immenser Hunger nach Erdöl, Erz oder Kupfer hat bereits heute kräftige Preissteigerungen an den internationalen Rohstoffbörsen zur Folge und ist weit über den Kontinent hinaus von politischer Bedeutung. Sollten die beiden Industrieriesen in zwei Jahrzehnten auch nur ein Fünftel der Autodichte der USA erreichen und werden die Fahrzeuge weiterhin vorwiegend mit fossiler Energie angetrieben, würde das eine ähnlich große Menge an Treibstoff verbrennen wie die 27 Millionen Fass Erdöl, die gegenwärtig täglich von den Mitgliedern der Organisation erdölexportierender Staaten (Opec) gefördert werden.

Die Erfahrung mag beruhigen, dass es oft anders kommt, als man denkt. Die alarmierenden Szenarien in den Sechziger- und Siebzigerjahren, als mit Blick auf die damals bekannten Erdölvorkommen das Ende des Erdölzeitalters und der Kollaps der Weltwirtschaft vorausgesagt wurden, haben sich als falsch erwiesen. Heute gibt es berechtigte Hoffnungen, dass sich Forschung und Entwicklung zur Nutzung alternativer Energien durchsetzen werden.

Parallelen

Parallelen zwischen dem rasanten Wirtschaftswachstum in Asien und der rasant expandierenden Ökonomie der westlichen Industriestaaten in den Nachkriegsjahren sind trotzdem nicht von der Hand zu weisen. Der Erdölpreisschock von 1973 setzte der ein Vierteljahrhundert dauernden Hochkonjunktur ein Ende. Ähnliches könnte sich schon in absehbarer Zeit in Asien abspielen.

Es wird noch einige Zeit dauern, bis in Asien ein Gleichgewicht zwischen Wachstum und Nachhaltigkeit gefunden ist. Dementsprechend vorsichtig sollten Anleger agieren – aber mittel- bis langfristig führt kein Investorenweg mehr an China und Indien vorbei!