Liest man die Meldung "1000 Herztransplantationen im Wiener AKH seit 1984", sieht man das zunächst als weiteren Teil einer erfreulich positiven Leistungsbilanz medizinischer Hochtechnologie. Aber als Betroffener, der seit dem 31. Dezember 2000 mit einem fremden Herzen besser lebt als je zuvor, sieht man mehr.

Denn man weiß, dass auf der anderen Seite 1000 Spender standen, die dem Tod auf Raten noch näher waren (und kapitulierten), als man es als Empfänger des Transplantats war. Man war Teil einer Parallelaktion, deren Synchronisation die moderne Medizin schafft und die gewiss im Wiener AKH zu einem Weltstandard entwickelt wurde.

Da ein Herz nur vier bis fünf Stunden nach der Entnahme aus dem Körper weiterleben kann, ergibt sich für das Operationsteam ein straffer Terminablauf, sehr ähnlich einer live ausgestrahlten TV-Nachrichtensendung. Nach Abstimmung aller Daten, die von Eurotransplant verwaltet werden, rast ein Privatjet mit einem Ärzteteam des AKH los zur Stadt des Krankenhauses des Spenders, checkt dort das Organ, indem es dieses stoppt und wieder hochfährt – und entnimmt es dem gehirntoten Körper. Der Aktionsradius des AKH reicht je nach Jet von Portugal bis Zypern.

Eine Parallelaktion

In der Zwischenzeit wird der Empfänger im Operationssystem des AKH für die Transplantation vorbereitet. So weit die logistischen Fakten, wie ich sie später erfuhr. Die Parallelaktion beginnt freilich für einen Betroffenen viel früher.

Für mich war das drei Monate davor, nach dem zweiten Infarkt, der so massiv war, dass nur durch das Glück der innerhalb von wenigen Minuten eingetroffenen Rettung der eigentlich tödliche Vorderwandinfarkt halbwegs unter Kontrolle gebracht werden konnte. Die nächste Meisterleistung geschah dann in der Intensivstation des AKH, wo während meines fünfwöchigen Komas mein nur noch wenig funktionsfähiges altes Herz wieder so weit gestärkt wurde, dass die Wartezeit auf ein Spenderorgan überbrückt werden konnte.

Natürlich hatte ich keine Ahnung von all diesen Vorgängen, als ich nach fünf Wochen wieder aufwachte und zunächst wieder Sitzen, Gehen und die einfachsten Handgriffe lernen musste. Die Erinnerung waren zunächst die faszinierenden Träume, die in meinem Fall aus einer überaus hektischen Reise quer durch Europa bestanden: "Regen Sie sich nicht so auf", hörte ich einmal einen Zuruf, als ich einen Taxifahrer in Paris zur rascheren Fahrt zum Flughafen anschrie, "Sie sind doch eh im AKH." Und natürlich der Übergang nach Drüben. Und zwischendurch der Aufenthalt auf einer Luxusyacht, auf der permanent ein starker Wind pfiff – die Beatmungsmaschine neben meinem Bett, wie mir später gesagt wurde. Und eine Sehnsucht, wieder einmal in diese Welt des völlig unbeschwerten Träumens zurückkehren zu können.

Deshalb, meine ich, ist es jetzt ein Leben nach dem Tod, denn ich kann nur durch eines Menschen Tod weiterleben und war selbst in seiner gefährlichsten Nähe. Und ich gewann viel Wissen und Denken über das Sterben. Und eine unendliche Wertschätzung des Lebens, allen Lebens.

Es war eine kostbare Grenzerfahrung, die für mich durch nichts mehr zu übertreffen ist. Alles wird man freilich erst wissen, wenn es wirklich vorbei ist. Da bin ich mir sicher. (DER STANDARD, Print, 22.10.2004)