Ein alter türkischer Mann ist in Wien erstochen worden. Eine Familienangelegenheit. Er war ein Familientyrann, dem seine rigide Auffassung vom Islam die Rechtfertigung lieferte. Er wurde vom 17-jährigen Freund der 13-jährigen Tochter ermordet, die Ehefrau war offenbar beteiligt. Als Schutzbehauptung tischte sie eine Blutrache-Geschichte auf, wonach ein enttäuschter Brautwerber der Tochter aus Anatolien den Mord begangen hätte.

Derlei hätte natürlich auch in einer "inländischen" Problemfamilie passieren können. Allerdings ändert das nichts an der Wahrheit, dass in weiten Teilen der Türkei archaische (Familien-)Verhältnisse herrschen; dass etwa die so genannten "Ehrenmorde" an unfügsamen Frauen jetzt zwar nicht mehr als Kavaliersdelikt gelten sollen, aber eben doch realistischerweise gesagt werden muss: Das gibt es alles noch.

Die Befürworter eines EU-Beitritts der Türkei verweisen darauf, dass der Beitritt gerade deswegen notwendig ist, um diese Mentalitäten zum Verschwinden zu bringen. Die Skeptiker fürchten, dies werde mindestens eine Generation dauern und die EU einer gewaltigen Belastungsprobe unterwerfen. Auf jeden Fall ein Experiment mit ungewissem Ausgang. (rau, DER STANDARD Printausgabe 27.10.2004)