Er will die Architektur zum Verschwinden bringen

Foto: MoMA
Das Museum of Modern Art, kurz MoMA, ist zwar der Tempel, in dem der heilige Gral der Moderne gehütet wird. Aber wegen der Architektur des Hauses ist bisher niemand dorthin gepilgert. Das Museum ähnelte einem Maulwurfsbau. Zahllose An- und Umbauten hatten zwar mit Mühe die stetig wachsende Sammlung, nicht aber die Orientierung der Besucher in den Griff bekommen. 1997 wurden zehn Weltklassearchitekten zum Wettbewerb geladen, darunter Herzog & de Meuron, Steven Holl, Toyo Ito, Dominique Perrault und Rem Koolhaas, dessen intensive Beschäftigung mit New York ihn zum Favoriten machte. Doch den Zuschlag erhielt Yoshio Taniguchi, dessen Namen außerhalb Japans noch kaum jemand gehört hatte. Der 1937 geborene Architekt und Harvard-Absolvent überzeugte seine Auftraggeber, dass New York schon vertikal genug sei. Das neue MoMA hingegen folgt der Schwerkraft und entwickelt sich horizontal von der 53sten zur 54sten Straße.

Dort, wo bisher der berühmte Skulpturengarten das Ensemble abgeschlossen hat, wird der neue Haupteingang sein. "Gebt mir viel Geld, und ich werde das Museum zum Verschwinden bringen", forderte Taniguchi seine Auftraggeber heraus. Das MoMA warf daraufhin seine Spendensammelmaschine an, um die Sonderwünsche des Architekten befriedigen zu können: Türrahmen aus weißer Bronze, handgeschmiedete Fensterrahmen, schwarzer Granit aus Simbabwe, der in Italien verarbeitet wurde.

Mit dem Umbau hat sich das Museum endgültig zu einer Stadt in der Stadt entwickelt

Der Bau wird edel sein und vor allem groß. Eine gestalterische Handschrift ist eher im Detail als in den kubischen Volumen zu entdecken, mit denen Taniguchi das Ensemble neu gegliedert hat. Hätte Rem Koolhaas den Zuschlag bekommen, wäre es ein echter Koolhaas geworden, doch der Japaner hielt sich bescheiden zurück. Für sein neuntes Museum, das erste außerhalb Japans, ließ er der Kunst, vor allem aber den atemberaubenden Blicken in die New Yorker Stadtlandschaft den Vortritt. Dieses hohe Maß an Selbstdisziplin zeigte der Architekt auch im Umgang mit dem von Philipp Johnson im Jahre 1953 angelegten Garten, dem einzigen architektonischen Höhepunkt des bisherigen Museums. Die wie in einem Bild von Mondrian von Beeten und Wasser unterbrochenen Steinflächen wurden restauriert und mit der Terrasse eines Restaurants eingefasst, das zu den Top-Adressen der Stadt werden soll. Der Garten ist nicht mehr die dringend notwendige Verschnauffläche für erschöpfte Besucher am Ende eines langen Kunsttages, sondern ist zu einem zentralen Platz geworden.

Die Besucher sind nicht mehr gezwungen, den ganzen Parcours durch die Kunstgeschichte zu absolvieren wie den langen Marsch durch ein IKEA-Haus, sondern können sich das Programm häppchenweise vornehmen. Mit dem Umbau hat sich das Museum endgültig zu einer Stadt in der Stadt entwickelt. (Der Standard/Andreas Tölke/oel/29/10/2004)