Kiew/Wien - Die Präsidentschaftswahlen in der Ukraine, deren erster Durchgang am Sonntag stattfindet, werden im Westen, aber auch von der Opposition im Lande, als Richtungsentscheidung gesehen. Dem amtierenden Regierungschef Viktor Janukowitsch, Repräsentant des wirtschaftlich-politischen Machtsystems, steht der klar prowestlich orientierte ehemalige Reformpremier Viktor Juschtschenko gegenüber.

Janukowitsch ist auch der erklärte Favorit des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Ein vom Westen geschnittener ukrainischer Staatschef - und das wäre Janukowitsch nach einem manipulierten Wahlsieg - müsste sich zwangsläufig noch enger an Russland anlehnen.

Allen Umfragen zufolge wird der Sieger erst in einer Stichwahl am 21. November ermittelt. Wie diese ausgeht, hängt von mehreren Faktoren ab. Zunächst vom Resultat des ersten Durchganges selbst, oder besser gesagt, von den Resultaten. Denn für eine große Mehrheit der 37 Millionen wahlberechtigten Ukrainer stehen Manipulationsversuche der Regierung längst fest. Um diese zumindest in Grenzen zu halten, hat die Opposition mit finanzieller Hilfe westlicher Länder Wählerbefragungen organisiert.

Klaffen die offiziellen Resultate und die Ergebnisse der Wählerbefragungen zu weit auseinander, sind massive Protestaktionen zu erwarten. Die Behörden haben sich bereits darauf eingestellt. Man habe Mittel entwickelt, solche Proteste ohne Schaden für die Gesundheit der Demonstranten zu beenden, meinte jüngst ein hoher Vertreter der Innenministeriums in Kiew.

Das war offenbar auch eine Anspielung auf Spekulationen über einen Biowaffenanschlag auf den Oppositionskandidaten Juschtschenko. Dieser ist nach wie vor von einer rätselhaften Erkrankung gezeichnet, deren Ursache auch nach zwei Spitalsaufenthalten in Wien nicht geklärt werden konnte. Am Freitag warnte der Expremier, der mit einer Amerikanerin verheiratet ist, in Kiew erneut vor Wahlfälschung: "Die Obrigkeit weiß, dass sie nicht ehrlich gewinnen kann." Am selben Tag drohte US-Vizeaußenminister Richard Armitage Kiew für den Fall von Wahlmanipulationen mit schweren Konsequenzen für die Beziehungen mit dem Westen.

Die Wirkung solcher Drohungen bleibt freilich fraglich. Der Politologe und intime Ukraine-Kenner Taras Kuzio meinte jüngst bei einem Workshop in Wien, das einzige Interesse der ukrainischen Machteliten sei deren Überleben. Die Isolationsdrohung des Westens sei daher das falsche Signal. Kuzios Kollege Rostyslav Pavlenko von einer Kiewer Universität hält den Abstand zwischen den Kandidaten für entscheidend: Sei er groß genug zugunsten Juschtschenkos, könnten die Oligarchen aus Selbsterhaltungstrieb zu diesem überlaufen.

In diesem Sinne kommt der ukrainischen Zivilgesellschaft - laut Kuzio die am weitesten entwickelte in allen GUS-Staaten - eine Schlüsselrolle zu: Bei offenkundiger Wahlfälschung könnten die Proteste eine von den Machthabern nicht mehr kontrollierbare Dynamik auslösen. (DER STANDARD, Printausgabe 30./31.10./1.11.2004)